Heiligabend . . .

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Heiligabend . . .

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Der graue Wintertag friert sich feucht durch die Stunden. Dezember steht im Kalender – der vierundzwanzigste. Wenn nicht der gewaltige grüne Weihnachtsbaum – drinnen in der Bahnhofshalle – mit tausend Lichtern durch das gläserne Dach blinkern würde – Bernd wäre nicht in den Sinn gekommen, daß Weihnachten ist. Seit gut zwei Stunden sitzt er hier draußen auf der Bank – mitten zwischen den Gleisen – wo sonst die Strassenbahnen und Omnibusse abfahren. Den Rucksack mit seinen Habseligkeiten hat er zwischen seinen Füßen auf der Erde stehen. Alles ist durchnässt. Die letzte Nacht war regnerisch – und er hatte kein Dach über dem Kopf. Einzig Fenna – seine treue Fenna gabb ihm Wärme für seine klammen Hände. Sie hockt an seiner Seite – mit dem Kopf auf seinem Knie. Ihre braunen Augen kriechen ihm ins Herz. Er wollte sich doch im Bahnhof bloß ein wenig aufwärmen – er und sein Hund. Um diese Zeit war doch nichts mehr los – in der großen Halle. Die Menschen saßen doch alle lange in ihren Stuben – zwischen brennenden Kerzen und Weihnachtsgeschenken. Aber nein – Penner – Penner haben sie ihn geschimpft – die beiden schneidigen jungen Männer in den schwarzen Uniformen, mit den glänzenden Stiefeln – in denen sich die Kerzen spiegelten. Ob die wohl auch Frau und drei Kinder auf einen Schlag verloren hatten – bloß weil ihre Augen einmal für zwei Sekunden nicht an der richtigen Stelle waren? So wie er es erlebt hat – er, Doktor Bernd Krüger. Chefchemiker war er in einem großen Pharmakonzern. Damals waren viele ungeborene Kinder durch ein neues Medikament verkrüppelt worden – dieses Medikament war seine Entwicklung. Die Geldleute in der Konzernspitze hatten keine Zeit abzuwarten – abzuwarten, ob das neue Medikament auch nach längerer Zeit ohne Nebenwirkung blieb. Er hat damals sein Zeichen darunter gesetzt – weil er seinen Stuhl behalten wollte. Als die ersten Kinder ohne Arme das Licht der Welt erblickten, hat der Herrgott ihm zuerst das Liebste genommen – anschließend haben die Menschen sein Haus und seinen Besitz unter sich aufgeteilt. Er ist mit seinem Herrgott nicht verquer darüber – er hatte es ja verdient.

So sieht er die Sache – und lebt seitdem auf der Strasse. In den Augen der Besitzenden als Penner. Penner haben im Bahnhof nichts verloren – also haben sie da auch nichts zu suchen. Die Bahn kann den Leuten mit Geld in der Tasche und einem Dach über dem Kopf so einen Anblick nicht zumuten. Er möchte zu gerne wissen, was in den Köpfen unter den roten Baretts vorhanden ist. Die letzten Groschen – die er in der Hosentasche zusammen gekramt hatte – reichten bei Aldi gerade für eine Portion Grützwurst – Fenna und ihm füllte es knapp einen hohlen Zahn – aber mehr gab es heute nicht. Vor nicht allzu langer Zeit befand sich im Bahnhof noch die Bahnhofsmission – das bedeutete wenigstens einmal am Tage eine warme Suppe und trocknen Aufenthalt. Das Paradies gehört der Vergangenheit an – die Türen sind zugenagelt. Der neue Bahnboss propagierte die Bahnhofsmission als Schandfleck. Durch das draussen sitzen, und die Wärme in der Bahnhofshalle ansehen, verzieht die Kälte sich auch nicht aus den Knochen. Bernd schultert seinen Rucksack und trippelt los. Wenn ihn jetzt jemand fragen würde, wo er hin will – er könnte bestimmt nichts antworten. Fenna läuft wie ein Schatten an seiner Seite – keine Handbreit Platz ist zwischen ihrem Kopf und seinem linken Bein. Erst einmal laufen, laufen, laufen – damit das Blut wieder kreiselt. Was zuerst kreiselt, ist das unbändige Hungergefühl. Wenn leere Därme schreien könnten, dann wäre es auf den Strassen heute bestimmt nicht so still.

Wie lange er schon mit Fenna an den Häuserreihen entlang trippelt, weiß er nicht. Eine geschützte Stelle – an der er mit seinem Hund lagern kann, hat er noch nicht gefunden. Im Grunde ist es ihm auch egal – dann ist die Nacht wenigstens nicht mehr so erbärmlich lang. Plötzlich sind die beiden nicht mehr allein – ein kleiner, weißer Hund wuselt um die beiden herum. Aus einer Seitenstrasse kommt ihnen ein älterer Herr entgegen – nein, er macht keinen Bogen um den Penner – er kommt direkt auf Fenna und Bernd zu – bleibt zwei Schritte vor ihnen stehen – krauelt Fenna den Kopf – und fängt an zu reden. Erzählt, daß er seit drei Jahren allein – das seine Frau schon auf der großen Reise ist, und das seine Kinder keine Zeit für ‚unwichtige Dinge’ haben. Bloß den jüngsten Sohn – ein Contergankind – umsorgt er seit dreißig Jahren. Bernd kann kein Wort sagen. Mit Hoffnung in der Stimme lädt der alte Mann die beiden ein, mit ihnen Weihnachten zu feiern – und führt sie zu einem großen Haus. Bevor die Tür hinter ihnen ins Schloß fällt, schaut Bernd sich noch einmal um und sieht durch ein Loch in den Wolken einen einzigen Stern am Himmel blinken – und unversehens weiß er wieder, warum Weihnachten ist.© ee

 

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Ein Gedanke zu „Heiligabend . . .

  1. Anna-Lena sagt:

    Eine berührende Erzählung! Viele in unserer Gesellschaft sind ohne eigene Schuld obdach- und mittellos geworden. Da ich einige Jahre in diesem Bereich gearbeitet habe, habe ich große Achtung vor diesen Menschen, die trotzdem versuchen, sich und ihre Leben einigermaßen auf die Reihe zu bekommen.
    Und ich habe noch etwas gelernt: der Schritt dahin kann ein ganz kurzer und schneller sein, für JEDEN von uns!

    Herzlich,
    Anna-Lena

    Gefällt 1 Person

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