Auszug aus der Erzählung „Nordwehen“

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Auszug aus der Erzählung „Nordwehen“

 

Oma Lüders ihr zu Hause ist eine ehemalige Wehrmachtsbaracke – zwei Steinwürfe vom Dorfrand – am Weg in die Dünen. Das Armenquartier der Stadt Norderney – des Bades der Reichen und Schönen. Wenn man durch die hohe Dornenhecke in das Geviert des Gartens tritt, wähnt man sich in eine andere Welt versetzt. Die fühlbare Liebe zur Natur überrollt mich beim ersten Besuch, wie eine Woge von Zufriedenheit und Glück. Bei Oma Lüders Tee trinken, ist jedes mal eintauchen in Geborgenheit und Zuversicht.

 

Sie sitzt dann in dem uralten Lehnstuhl – nahe beim Ofen. Es ist ein Stück Heimat – noch von ihrem Großvater aus ostpreußischem Holz getischlert.

Den weiten Weg von Gumbinnen – unweit der russischen Grenze – bis auf diese Nordseeinsel hat sie den Lehnstuhl auf ihrem Handwagen gezogen.

Damals saß auf weiten Strecken ihre betagte Mutter im Stuhl auf dem Leiterwagen, wenn ihre Beine ihr den Dienst versagten. Im Februar neunundvierzig hat der liebe Gott sie zu sich geholt. Was von ihr blieb, liegt auf dem Inselfriedhof – ein Fuß breit neben dem Glockenturm. Zu gerne wäre sie in der Heimat zur letzten Ruhe gebettet worden. Wenn Sonntags in der Frühe die Glocken zum Gebet in Gottes Haus rufen, dann erzählt Oma Lüders ihrer Mutter, was so die Woche passiert ist, und wie sie das Leben handhabt. Ich spüre – es liegt ihr viel an diesen Zwiegesprächen. Auch wenn sie die Antworten nicht hören kann.

 

Ein anderes Stück Heimat – das kleine, buckelige Sofa hat sie für ihre Liebesleute – für Edeltraud und mich – reserviert.

Wenn wir im schummer-düster aneinander geschmiegt auf dem verschossenen Samtbezug kuscheln, versinkt alles um uns her. Der Lichtkreis der Petroleumlampe, die auf der hellen, sorgfältig gescheuerten Tischplatte steht, hält alles was sich nicht in ihm befindet, von uns fern.

Das Feuer im eisernen Küchenherd knistert und knastert – als wenn wir im Herbst durchs trockene Unterholz des Inselwäldchens laufen.

Durch die Risse und Schrunden in der blank geputzten Kochplatte werfen die züngelnden Flammen geisterhaft tanzende Sprenkel an die, von Kochdunst und Rauch in langen Jahren braun gefärbte, niedrige Küchendecke. In diesen Stunden der Muße gibt es nur uns Drei. Die Welt führt in diesem Stück Zeit ihr Hasten und Treiben ohne uns. Oma Lüders Erzählen nimmt uns beide mit auf die Reise – zurück in eine Geschichte, die wir zum Glück nicht  erleben durften. Stundenlang könnten wir sie begleiten.

 

Tja – und dann sind da die Abende, an denen Oma Lüders nicht erzählt.

Sie fühlt, wenn uns etwas drückt – und schweigt. Nur ihre zerfurchte, schwielige Hand sucht unsere Hände. Oder sie fährt sacht über den Kopf meiner Fee – als wenn ein Engelsflügel vorbei streicht. Ganz von selbst fängt unser Kummer an zu fließen. Worte und Sätze werden zu einem Bach – und Oma Lüders zeigt ihm den Weg, damit er in das große Meer der Erleichterung fließen kann. Keine Sorge und kein Bedrücken, die nicht von ihr in einen frohen Abschied verwandelt werden. Oma Lüders weites Herz streut Blumen über jedes schwarze Erinnern. Die Teestunde bildet allabendlich den Schlußpunkt.

 

Unser Begehren stillen wir, wenn  Wetterpetrus es zuläßt, in unserem weiten Dünenland. Oma Lüders weiß das – nur, davon spricht sie nicht. Nie nicht einmal eine Andeutung hören wir. Heute abend geht sie zum Abschied mit bis vor die Dornenhecke.

Kinners – sagt sie, morgen müßt ihr mir alten Tante einen Gefallen tun. Ich muß Morgen aufs Festland, was Dringendes beschicken. Die Katze muß versorgt werden, und ich mag das Haus über Nacht nicht allein lassen. Hier ist ein Schlüssel von der Hintertür, bleibt Morgen über Nacht hier. Und – mein Deern – die Schwester Oberin hab’ ich gefragt, die hat da niks gegen, das du eine Nacht auf mein Haus acht gibst. Keine Ausreden – das ist eine abgemachte Sache. Wir seh’n uns übermorgen wieder. Paßt man schön auf.

Und schon stehen wir alleine auf dem Weg. Heute abend fällt das Auseinandergehen leichter.

 

Dich scheint’s gewaltig erwischt zu haben, stellt mein kluger Chef sachkundig  fest, als ich ihn um eine Freinacht bitte. Entgegen allen bisherigen Erfahrungen meint er: Das kriegen wir schon hin – aber paßt gut auf. Wieder dieses: Paßt gut auf – harrijeses – können denn mit einemmal alle hellsehen? Na – und wenn schon, ist es mir auch egal. Nur mit den Schmetterlingen im Bauch muß ich die ganze Nacht – und den Tag über – alleine fertig werden. Die wollen sich überhaupt nicht in ihre Blütenbäume setzen. Die können auch wohl in die Zukunft schauen. Wenigstens bis in die folgende Nacht.

 

Mit dem Abräumen der Kaffeetische ist für mich am Nachmittag die Arbeit beendet. Duschen und Umziehen muß ich nicht im Eilzugtempo hinter mich bringen. Vor einer guten halben Stunde zog meine Liebste nämlich, mit ihrer Kindergruppe, auf der Strandpromenade vorbei. Sie hat um die normale Uhrzeit Dienstschluß. Um Liebesurlaub kann sie die Schwester Oberin schlecht angehen. Meine Hochstimmung leidet darunter nicht – eine ganze, lange Nacht liegt vor uns. Abholen vom Seehospiz muß ich mein Glück aber doch. Die große Normaluhr am Denkmal in der Stadtmitte geht auf halb sechs zu. Nun aber los. Schnell noch bei Bakker’s rein – einen Kasten Pralinen und eine Mediumflasche Fürst Metternich kaufen. Hast du heute abend was besonderes vor,  will  Claas Bakker von mir wissen. Alle, denen ich heute begegne, scheinen sich auf mich einzuschießen. Ich bin doch kein Auskunftsbüro – oder sieht man mir etwa mein Glück buchstäblich an der Nasenspitze an?

 

Pfeifend und trällernd die Benekestrasse hoch – Richtung Seehospiz. Zehn Minuten muß ich mich denn doch noch gedulden – mein Gott, hat jemand die Uhrzeiger angehalten? Die bewegen sich ja gar nicht vorwärts. So ein Quatsch – aber es kommt mir beinahe so vor. Heiße Ohren hat mir die Erwartung schon beschert. Meine Märchenprin-zessin taucht aus dem Halbdunkel des großen Tores auf. Wie eine Elfe erscheint sie mir – der gelbe Rock tanzt um ihre wunderschönen Beine. Die langen seidigen Haare – sonst sittsam in einem Knoten zusammen gefaßt – wehen wie ein blonder Schleier um ihr strahlendes Gesicht. Ich kann mich nicht von der Stelle rühren – bis sie in meinen Armen liegt. In ihren Augen glitzert es verräterisch – ein paar Glückstränen schwimmen auf dem grünen See. Können zwei Menschen nur durch ihr Zusammensein vor Seligkeit überströmen? Ich kann die Antwort nicht geben – ich kann sie nur fühlen. Würde die Schwester Oberin uns jetzt sehen – wir bräuchten nichts mehr zu erklären.

 

Hand in Hand bummeln wir durch das Dorf, dem Anger zu. Vom Rande des Argonnerwäldchens her beobachtet uns eine Ricke. Sie steht zwischen den maigrünen Büschen. Im Frühling wechseln sie von den ostfriesischen Mooren auf die Insel über – ohne Wattführer. Auf Jahrhunderte alten Pfaden. Unser Reh zeigt keine Scheu. Auf zehn Schritt Entfernung läßt es uns vorüber schlendern – äugt mit großen braunen Lichtern zu uns herüber. Die Lauscher spielen, als ob sie sagen will: vor euch fürchte ich mich nicht – viel Glück, ihr Beiden. Langsam dreht sie bei und verschwindet im Dickicht.

 

Die Franzosenschanze hat sich wie eine Wand zwischen uns und den neugierig blitzenden Fenstern der letzten Häuser des Dorfes geschoben. Als wenn sie weiß, daß wir uns hochnötig umarmen und küssen müssen, um unseren drängenden Gefühlen ein Ventil zu öffnen. Oma Lüders Dornenhecke ist noch nicht in Sicht, da haben wir schon den Duft der aufbrechenden wilden Rosen in der Nase. Nun hält uns aber nichts mehr. Unsere Beine werden wie von selbst immer schneller. Ein Schritt durch die Rosenhecke, und wir sind mitten in unserem verwunschenen Reich. Glücklicher können Dornröschen und ihr Prinz auch nicht gewesen sein. Die rote Lilly liegt als ein rundes Etwas auf dem Dach des alten Zieh-brunnens. In vollen Zügen genießt sie die wärmende Maiensonne. Ein halbes Auge schenkt sie uns nur als Beachtung, denn noch ist ja nicht Futterzeit. Wenn ihr Magen knurrt, dann sind es zwei Augen, ein Köpfchen, ein krummer Buckel, ein hoch aufgestellter Schwanz und ein begehrliches Schnurren. So sehr unterscheiden wir warmblütigen Geschöpfe uns da gar nicht.

 

Meine Prinzessin ist schon im Innern ver-schwunden. Ich höre einen hellen Schrei – eile ihr nach – und stehe in fassungslosem Erstaunen unter der Tür.

Eine feuchte Spur zeichnet meine Wangen, Traudel nimmt meinen Kopf in ihre Hände und küßt sie mir fort. Als wenn ein Fabelwesen mir flüstert, weht ihre Stimme in mein Ohr: Oh, wie ich dich liebe – deine Tränen streicheln meine dürstende Seele. Seltsam – keine Scham über Mannestränen – nein, Freude breitet sich in mir aus. Freude und Glück – und unendliche

 

Wärme, als wenn ich die Sonne in meinen Armen halte. Wir stehen wie Eins in der Küche – schauen um uns zu – schauen uns an, und flüstern: liebe, liebe Oma Lüders. Zu mehr sind wir einfach nicht fähig. Die Küche und die angrenzende Kammer sind ausgeschmückt wie zu einer Hochzeit.

Den Küchentisch ziert ein blütenweißes, steif gestärktes, damastenes Tischtuch. In der Mitte stehen drei blutrote Rosen in einer irdenen Vase,  neben zwei schneeigen Kerzen in einem silbernen Leuchter. An der Seite unseres Kuschelsofas Gläser aus geschliffenem Kristall, und eine Flasche vom feinsten Burgunder. Das Bett in der Kammer sieht aus, als wenn es vom Himmel gefallen wäre – wolkendickes Bettzeug, einladend aufgeschlagen und in strahlendem Blau. Der Herd vorbereitet – wir brauchen bloß noch ein Streichholz entzünden. An der Vase auf dem Tisch lehnt eine vergilbte Hochzeitsphotografie- ein Soldat des Kaisers mit seiner Braut. Es zeigt wohl Oma Lüders und ihren Mann. Auf der Rückseite steht in zittriger Handschrift: Dies ist mein Dankeschön für euer Geben. Die Liebe zwischen zwei jungen Menschen ist das Schönste, was der Herrgott uns schenkt. Mir wurde sie in der Jugend versagt. Lebt sie für mich mit – eure alte Oma Lüders.

Es dauert geschlagene fünfzehn Minuten, bis wir wieder klar blicken können. Oma Lüders hat eine Quelle freigelegt, aus der das Herzenswasser nur so sprudelt.

Das trübt aber nicht unsere Stimmung – eher das  Gegenteil isst der Fall – es hat mein Ungestüm sachte gebremst.

 

Ich hülle mein Liebstes in Berge von Zärtlichkeit. Wir treiben uns mit unseren Liebkosungen in schwindelnde Höhen, um dann mit jubelndem Schrei in die Tiefen der Erlösung zu fallen.

Am Grunde denke ich, ich bin tot. Bin ich tot? – nein ich lebe, ich lebe die schönste Sache der Welt – ich liebe das schönste Mädchen der Welt. Diese kleinen Tode der Liebe möcht ich jeden Tag tausendmal sterben – jedes mal mit einem fröhlicheren Herzen.

Unsere Stunden auf dem Meer des Vergessens werden vom heimeligen Licht der Petroleumlampe umfangen. Von dem guten Roten haben wir bislang nur ein winziges Gläschen getrunken – mehr Zeit gibt die Liebe nicht her. Sie zeigt uns die Sterne des Lebens – sie treibt uns von Himmels- zu Himmelsrand.

Zwischen den wirbelnden Lustreigen muß ich immer wieder meine Märchenfee betrachten. Das weiche Gesicht in den Wolkenbergen – alles Glück in ihm vereint – gelöst vom Gestern und vom Morgen. Mitternacht ist lange vorüber, als wir uns zusammen kuscheln wie Zwillinge im Mutterleib – wohl behütet in der Wiege des Lebens.

 

Träume ich oder ist es Wirklichkeit? Ich spüre ein zartes Lippenpaar auf meiner Stirn, auf meinen Wangen, auf meinem Mund. Ein zartes Vögelchen zirpelt an meinem rechten Ohr und flüstert: ich liebe dich – ich liebe dich – ich liebe dich. Der Schlaftraum weicht, und das Vögelchen zirpelt immer noch und hüllt mein Gesicht in einen goldenen Baldachin lieblich duftender Haare.

Du Langschläfer – das Frühstück ist fertig. Dieser Satz animiert mich, mit beiden Beinen aus dem Bett zu springen. Halt – du hungriger Wolf. Willst du nach den Stunden des Schlafes nicht erst deine Wölfin begrüßen – sagt meine innere Stimme. Diese Mahnung hätte sie sich sparen können.

Die strahlenden Augen und der lockende Mund meiner Zauberfee, eingesponnen in einen Kokon weiblichen  Duftes, hindern mich ohnedies am aufstehen. Was wäre es, so einen Tag zu beginnen, ohne sich der Liebe zu beugen. Das beste Frühstück der Welt wird dadurch nur immer noch besser. Es werden schon noch genug einsame Morgen folgen, an denen ein Brötchen die einzige Freude ist.

Weise, wie meine Prinzessin ist, brüht sie den Tee erst, als unser Verlangen wieder auf ruhigerem Wasser schwimmt. Irgend jemand hat es so eingerichtet, das wir beide einen gemeinsamen freien Tag haben. Da ich niemanden in diese Möglichkeit einbringen kann, hat Oma Lüders wohl ihre ordnende Hand im Spiel gehabt. Dieser gemeinsame freie Tag schließt sich, auch sicherlich nicht rein zufällig, an Oma Lüders Reise auf’s Festland an.

Unserer Nacht in den Sternen folgt ein sanftes Gleiten, wieder hinunter auf die Erde.

 

So eine Reise möchte ewig dauern.

 

Um sechs Uhr nachmittags wird Oma Lüders mit der letzten Fähre übersetzen. Wenn wir mit ihr vom Dampfer kommen, soll ihr Heim wieder sein wie zuvor. Der blank gescheuerte Küchentisch, auf dem Bett in der Kammer die bunt gemusterten Laken – ganz so, als sei nichts geschehen. Traudel konnte aber nicht umhin, das Hochzeitsphoto von Oma Lüders inmitten eines großen Herzens – aus Heckenrosen geformt – auf den Küchentisch zu legen. Ich habe mich noch schnell auf die Socken gemacht, um von meinem Freund Bent einen dicken, frisch geräucherten Aal zu besorgen. Für einen Smutaal würde Oma Lüders sterben – das wußte ich – nur leisten würde sie sich ihn nie. Ihre Spargroschen ausgeben, damit wir glücklich sind – ja. Sich selber einen Räucheraal leisten – unmöglich.

 

 

* * *

 

 

 

 

Hektisches Gedränge an der Hafenmaauer. Die Wartenden scharen sich um den schwankenden Schiffssteg. Jeder will „seinen“  Ankommenden zuerst begrüßen.

Wir stehen abwartend außerhalb des Menschen-knäuels – was kommt, kommt noch früh genug. Alles ruft und winkt und redet durcheinander – und plötzlich schweigt der ganze Haufen. Die Menge teilt sich und bildet eine Gasse.

Es ist wie ein Spalier, durch das nun unsere Oma Lüders und die Schwester Oberin schreiten. Wir stehen plötzlich nicht mehr am Rande, sondern bilden den Mittelpunkt des Geschehen. Die beiden alten Damen laufen auf uns zu. Tausend böse Vorahnungen schwirren in meinem Kopf hin und her. Wir stehen uns gegenüber – keiner von uns sagt ein Wort. In dieses fühlbare Schweigen hinein hebt die Oberin die Arme – legt ihre Hände auf unsere Köpfe und sagt, für die große Schar klar zu hören: Gott segne euch – meine Kinder.

 

Na – das wird Gesprächsstoff für die Insulaner sein. Und nicht bloß für heute.

 

Unendlich schöne Male zeichnen meiner Liebsten Gesicht – ihr innerer Frieden hat sich ein Bild geschaffen. Oma Lüders steht in ihr in nichts nach, ihr Antlitz zerfließt vor Seligkeit. Sogar ihren vielen Fältchen und Runzeln hat ihr Glück heute freigegeben. Zwischen den brummenden Motor-droschken auf dem Hafenplatz verlieren sich die wenigen Landauer, die es noch auf der Insel gibt. Sie sind das ruhige Fortbewegungsmittel für Gäste mit Muße und Moos. Die großen offenen Insel-busse der Kurverwaltung stehen in Reih’ und Glied vor der Hafenmeisterei.

Damit fahren die Inselbesucher, denen es an beidem mangelt. Die haben nicht soviel klingende Münze im Beutel, dafür aber meist mehr Platz im Kopf für die Schönheiten dieser kleinen Welt in den Watten der Nordsee.

Die Schwester Oberin wird standesgemäß von der hospizeigenen Kutsche erwartet. Der Kutscher  in seiner bunten Uniform hat schon ihr Gepäck verstaut, und will, nachdem sie eingestiegen ist, die Pferde in forschen Trab bringen. Ein Zuruf läßt ihn zögern – die Oberin fordert uns nachdrücklich auf, zu ihr in die Kutsche zu steigen.

Das ist für den Hafenplatz und seine Menschen noch nicht dagewesen. Wir lassen uns nicht ein zweites Mal bitten – und schon geht die Fahrt los. Mit keinem Wort werden wir Verliebten in Verlegenheit gebracht.  Erst nachdem sie uns drei an der Dornenhecke abgesetzt hat, beugt sie sich vor,  faßt uns an den Händen und sagt in ihrer ostpreußischen Mundart: Der liebe Gott hat schon viel, viel größere Sünden vergeben.

Sie läßt uns zwei Kinder mit offenen Mündern stehen, und fährt augenzwinkernd davon.

 

Oma Lüders ist währenddessen schon im Haus verschwunden. Unsere heftige Umarmung wird begleitet vom klappern des Teekessels, das bis zu uns nach draußen dringt. Es scheint mir, als ob sie aus Erklärungsnotstand etwas forsch mit dem Teekessel umspringt. Als wir nach geraumer Zeit in die Küche treten, sitzt Oma Lüders am Küchentisch. Das Kinn hat sie auf die Hände gestützt, und badet das Heckenrosenherz in Tränen. Kein Laut hört man von ihr. Die Entsagungen ihres ganzen Lebens fließen in diesen Minuten aus ihren gütigen Augen. Wir schließen die Tür hinter uns und lassen sie für eine Weile allein. Der Zaubergarten hört auch von uns in der nächsten Stunde kein lautes Wort. Zuviel müssen wir zwei – eng aneinander geschmiegt – auf die Reihe bringen. Als Sinn und Auge Luft bekommen, wird  der verdiente Tee wieder in seine Rechte eingesetzt. Durch die Ereignisse ein wenig vernachlässigt, bekommt er uns jetzt doppelt gut.

 

Unsere schweigende Teestunde läßt mich einen langen Abend ahnen. Auf der letzten Tasse Tee dehnt sich noch wohlig das Rahmwölkchen, als Oma Lüders aufsteht, zur kleinen Buddelei in der Ecke geht, ein kleines abgegriffenes braunes Kästchen aus dem obersten Fach nimmt, und sich mit einem tiefen Seufzer wieder in den alten Lehnstuhl setzt. In der kleinen Küche schwebt eine Stille, die man fühlen kann – nur begleitet vom schwingenden Knistern des Holzfeuers.

 

Es ist dunkel geworden.

 

Wir haben kein Licht angezündet, irgendwie würde es stören.

Oma Lüders hat zwei Ringe des Herdes zur Seite geschoben. Rötlicher Feuerschein liegt auf ihrem Gesicht – die Augen geschlossen – die Hände, wie um einen Schatz, um das Kästchen auf ihrem Schoß. Ich habe Angst, mit meinem Atem die Stille anzustoßen. Traudes Kopf liegt an meiner Brust – ganz fest hält sie meine Herzenshand umklammert. Meine Rechte ist zärtlich  in ihren Haaren verborgen. Der Abend fließt in weichen Wellen durch den Raum – mit stetem Begehren auf die Nacht, die fast unmerklich näher rückt.

 

Wißt ihr – wie der Laut eines Nachtvogels streicht dieses „wißt ihr“ um uns herum – wißt ihr, schickt Oma Lüders immer voraus, wenn sie aus dem großen Schatz ihres Lebens etwas verschenken will. Wißt ihr, es ist eine lange Geschichte – mit mir und Theodora.

Theodora – jetzt hat das, mit den Augen zwinkernde, Oberinnengesicht für mich plötzlich einen Namen. Wir waren als kleine Kinder schon zusammen, auf dem Gut ihrer Familie. Zwischen den ostpreußischen Seen. Bis zum Beginn der Schulzeit waren wir Alltags nicht zu unter-scheiden, wenn wir in den Sandkuhlen oder auf den Windbrüchen spielten. Als wir sechs Jahre alt wurden,  änderte sich das  schlagartig.

Wir Dörflerkinder mußten in die einklassige Dorfschule zum Schulmeister Rübenknecht – Theodora hatte im Westflügel des Schlosses ein Studierzimmer. Ganz für sich allein – und lange Jahre als einzige Gesellschaft einen griesgrämigen, verbitterten Hauslehrer. Wir Leute im Dorf haben ihn nie zu Gesicht bekommen – wegen seines Höckers mied er anderer Leute Blicke wie die Pest.

Für die Häuslerkinder war Schulzeit immer nur dann, wenn die Arbeit auf den Feldern es zuließ. Wir zwei sahen uns nur noch selten – viel zu selten.

 

Die Kinderzeit war zur Jungmädchenzeit heran gewachsen. Unsere kleine Welt des Gutsdorfes, und die andere große Welt da draußen, lief ihren gewohnten Gang.

Bis Neunzehnhundertzehn Kaisers Geburtstag gefeiert wurde. Der Baron – Theodoras Vater – ließ ein großes Dorffest ausrichten.

In dieser Nacht verliebte sich Theodora in einen schmucken Burschen aus dem Dorf, der auf dem östlichen Vorwerk als Stallknecht seinen Dienst tat. Einen Sommer lang schwebten die beiden im siebten Himmel. Bis – ja- bis es dem Baron zu Ohren kam. Er war in der Befolgung seiner Lebensregeln auch ein unerbittlicher Vater.

Irgendeine Schöne aus dem Dorf hatte der Neid geführt – sie hätte vielleicht selber gerne den Platz an des schmucken Burschen Seite inne gehabt. Theodora kam kurzerhand nach Königsberg in ein Ordensinternat, und der hübsche junge Bursche auf das Sommergut an die Grenze Rußlands.

Theodora haben wir im Dorf nicht wieder gesehen, und ihr Sommerglück wurde drei Jahre später mein Mann. Im Frühling feierten wir Hochzeit, und im Herbst zog er in den Krieg für unseren Kaiser. Ich habe ihn nicht wiedergesehen – er ist in den ersten Wochen gefallen. So haben wir beide für einen kurzen, heißen Sommer unser Glück in den Armen gehalten. Bis es uns genommen worden ist. Jeder von uns wohl nicht auf dieselbe, aber beiden auf eine gleich schreckliche Weise.

 

An diesem Punkt angelangt, schweigt Oma Lüders. Den Kopf, mit den immer noch naturschwarzen Haaren, leicht zurück gelegt. Ihre Augen hat sie geschlossen. Nur die steifen Finger umspielen das glänzende Kästchen.

Ihre Seele ist weit, weit in die Vergangenheit eingetaucht. Als sie wieder in die Gegenwart zu-rückgekehrt ist, hebt sie aufs neue zu sprechen an.

 

Im Jahre achtzehn änderte sich die Politik, aber für uns armen Leute blieben die Tage gleich.  Arbeiten so lange es hell war – und zum Leben gerade genug. Das wurde erst nach dreiunddreißig anders. Uns Deutschen war vom Himmel das Heil beschert worden – haben wir zu Millionen geglaubt. Den Glauben an dieses Anders haben wir teuer bezahlen müssen. Als wir im Herbst fünfund-vierzig, von unserer langen Flucht erschöpft, und am Ende unserer Kraft, auf dieser Insel an Land gingen, fanden wir im Seehospiz das erste warme und trockene Lager nach unserem Marsch durch die Hölle. Eine Hölle – unvorstellbar, und von Menschen angerichtet.

Erinnerung an dieses Grauen verschließt ihr aufs neue den Mund.

Kinners – laßt es nie wieder so weit kommen. Der liebe Gott mag euch davor behüten.

Mit diesen Worten beginnt sie aufs neue zu erzählen.

Unter den Schwestern entdeckte ich am zweiten Tag Theodora. Sie war Diakonisse geworden.

Die Zeit zwischen der Trennung von „unserem“ Mann, und der Begegnung hier auf der Insel, war verschwunden – ausgelöscht. Wir wußten, wir trauerten immer noch um den selben Menschen – aber ohne trennende Gefühle. Theodora war fünfundvierzig noch keine Schwester Oberin – die wurde sie erst zehn Jahre später. Um unsere gemeinsame Geschichte weiß hier heute niemand mehr. Nur unser Herrgott benutzt uns manches mal als sein Werkzeug – wenn hier unten was gerade zu biegen ist.

 

Während ihr Erzählen den Raum füllt, hat sie die abgegriffene Schachtel geöffnet. Der Inhalt liegt ausgebreitet auf dem Küchentisch. Es sind Briefe. Briefe, die Theodora ihrem Geliebten schickte – und Briefe, die Oma Lüders von ihrem Mann aus dem Feld bekam.

Es sind bloß eine Hand voll – aber ein Schatz, wie er kostbarer wohl nicht sein kann. Wir berühren sie nicht. Sie sollen ein Edelstein in Oma Lüders Herzen bleiben. Nach langem Schweigen schreibt ihr Mund noch einen Satz in die Dunkelheit der Nacht: Wenn der Herrgott mich zu sich ruft – gebt mir dieses Kästchen mit auf die Reise.

 

* * *

 

 

 

Jemand hat mich an der Schulter zu fassen, und rüttelt mich mit hartem Griff aus dem Tiefschlaf. Wie aus einem bleiernen Sarg tauche ich an die Oberfläche des Wachseins. Das Zimmer ist hell erleuchtet. Der Nachtportier, in Begleitung von drei Gendarmen, hat uns zum Leben erweckt. Aber wie sieht unser Schlafraum aus? Hat man den Krieg ausbrechen lassen, ohne uns vorher zu warnen, oder sind die Vandalen bei uns durch die Bude gezogen? Die Schränke sind leer gemacht worden, die Kommoden ausgeräumt. In der Schubladenfront, die ich mir mit Wölfi teile, haben die Schutzleute mehr als siebzig Packungen Zigaretten entdeckt. Wir müssen unsere Hände vorzeigen – man sucht nach Schnittverletzungen. Bei Heiner und mir vergebens. Es hat in der Nacht in der Jan-Berghaus Straße ein männlicher, jugendlicher Täter einen Automaten geknackt, und sich dabei verletzt. Die Polizei ist den Blutstropfen hin und her über die Insel gefolgt. Hier bei uns im Zimmer fanden sie den letzten. Wer ist der Täter? Ganz klar – der Mann mit der blutigen Hand. Wo ist der B. fragt man uns. Schulterzucken ist unsere Antwort. Wir haben vor Erschöpfung geschlafen, wie die Mumien der Pharaonen.

Fünf Minuten später hat man Wölfi im Flakturm gefunden. Im Zockerquartier. Jetzt wissen wir, daß die Zigaretten nicht von zu Hause gekommen sind. Zwanzig mal hat Wölfi Automaten aufgebrochen – bis es ihm zum Verhängnis wurde. Die Kompanie Uniformierter hat sich verzogen. Unser Nacht-portier marschierte wie ein Feldmarschall vorweg. Wölfi in ihrer Mitte. Zwei ganz schön bedeppert aus der Wäsche guckende Zimmergenossen zurücklassend.

 

An weiterschlafen ist nach dieser Räuberpistole nicht zu denken – zumindest mir geht es so. Halb vier zeigt der Wecker.

Menschenskinder – wie gerne würde ich jetzt das Bett mit Traude teilen. Dann hätte ich anderes zu tun, als dieses verquere Ding im Kopf herum zuwälzen. Irgendwie macht sie mir doch zu schaffen – die Sache mit Wölfi. Wenn ich es mir recht überlege, haben wir auch von seinen schrägen Einkäufen gezehrt. Warum hat er uns die Glimmstengel geschenkt? Sollte das der Preis für Freundschaft sein? Ein profitables Elternhaus – das ganze darum herum – alles nur Spiegelfechterei. Und das nur um Freunde zu gewinnen? So kann es doch nicht sein.

 

Meine Gedanken wirbeln um Probleme, die mich im Grunde nichts angehen. Heiner sägt schon wieder Bäume im Gleichtakt – in imaginären Wäldern – nichts mit Reden. Ich wälze mich von einer Seite auf die andere. So ein Mist aber auch! Raus aus der Falle, leichte Klamotten über das Knochengerüst gehangen –  und ab nach draußen. Der Morgen beginnt im Osten sachte die Nacht beiseite zu schieben – der Himmel ist ganz rot vor Anstrengung.

Der Melkbuur ist auch schon unterwegs, ich höre leise die Milchkannen klingeln. Handgruß und ein gedämpftes  Hee schicke ich zu ihm hinüber. Er schaut auf – ein erstauntes Hee – und ein fragendes „Wat deist du denn all um disse Tied up?“ kommt auf Platt zurück. Bist du aus dem Bett gefallen, fragt er mich. Im gleichen Atemzug erzählt er mir, daß bei seinem Kollegen Brauer heute Nacht schon wieder ein Automat geknackt worden ist. Sieh mal – sag’ ich – und davon bin ich aus dem Bett gefallen.

Seinen fassungslosen Gesichtsausdruck hätte ich gerne festgehalten. „Wuso,“ sagt er – wee dat so luut? „Dat is doch een heel Enn’n wäch van jo!“. Nee –  sag ich –  gehört hab’ ich den Knall nicht, aber die Zigaretten sind bis zu mir in die Kommode geflogen. Dieser Art seine Neugierde geweckt, muß ich ihm natürlich die ganze Geschichte haarklein erzählen. Er ist ein aufmerk-sam lauschender Zuhörer, läßt sich nicht ein Detail entgehen.

Goldwerte Nachrichten für seine frühen Kunden. Ich bin mir sicher, bis zum Erscheinen der Badezeitung ist die Geschichte schon über die Insel gehuscht. Wofür hat die Stadt sonst ihre wandelnden Nachrichtenblätter.

Mein hoch zufriedener Melkbuur zieht fröhlich pfeifend weiter. Hab’ ich – so früh am Morgen – doch schon jemand glücklich gemacht. Anders würde es mir sicher gehen, wenn es mein Schatz gewesen wäre. Ich kneife mir selbst in die Wange, und denke so für mich: Bescheiden, bescheiden, junger Mann – von zuviel Glück sind auch schon Menschen erschlagen worden.

 

Mein Weg führt mich quer über die Kaiserwiese. Ein Satz über die Balustrade, und ich lande auf der Strandpromenade. Die einzigen, die um diese Zeit promenieren, sind die vielen Emmas. Große stolze Silbermöwen, die ihre kleineren Verwandten nur fliegend über sich dulden. Keine Bange, ihr Lieben, ich will euch nicht stören, sag ich laut zu ihnen. Ein paar  Schritte das Deckwerk hinunter, und ich befinde mich im Sand – inmitten hunderter schlafender Strandkörbe.

Die Nummer achtzehn ist mein Ziel. Mein Herzblatt und ich sitzen oft hier, in Stunden, in denen der Strand mit sich alleine ist. Ich setze mich in den Korb, ziehe die Beine unter mich, und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Fünf singende Schläge zittern durch den kühlen Morgen. Die alte Turmuhr ist unbestechlich in ihrem Zeitmaß. Das ist gemeinhin mein Zeichen zum Dienstantritt. Heute tut es gut, die fünf hallenden Schläge der alten Glocke über dem Wasser verwehen zu lassen, ohne in der Pflicht zu stehen. Die Plackerei beim Küchenumbau hat Heiner und mir drei freie Tage beschert.

 

An der Kimm zieht langsam ein Fischkutter seinen Kurs. Das Rauschen der auflaufenden See, nur unterbrochen vom hellen Schrei sich streiten-der Möwen, läßt mich die Augen schließen. Ich vermeine Traudes Weibsgeruch zu spüren – so, als wenn sie neben mir sitzt und mich wahnsinnig macht – allein durch ihre Nähe. Ob sie weiß, daß sie alle Macht der Welt über mich hat? Ich lache still vor mich hin – ich kleiner Dummkopf – wenn sie das nicht wüßte, wäre sie keine Frau.

 

Viertel vor sechs – ich komme langsam in die Hufe. Zum Seehospiz runter, am Strand entlang, eine gute halbe Stunde. Vielleicht kann ich wenigstens noch einen geworfenen Handkuß von meinem Schatz auffangen, bevor sie ihren Dienst antritt. Die Aussicht macht wohl meine Füße schwerelos – vierzehn Minuten später bin ich schon gleichauf mit dem Seehospiz. Helles Kinderlachen – durchsetzt von freundlichen Jungmädchen Stimmen – glittert um die altehrwürdigen Mauern. Zu Zeiten des hannöverschen  Königs – vor mehr als hundert Jahren – wurde diese Anlage als Waisenpensionat errichtet. In dieser Zeit herrschte sicherlich eine andere Atmosphäre in den Gemäuern. Ich wünschte, die kleinen Bewohner hätten damals auch eine Theodora zur Schwester Oberin gehabt. Welch ein glücklicher Wandel für alle die hier leben – und leben müssen.

 

Die Krone der Umfassungsmauer ist ein schöner Sitzplatz. Meine Füße baumeln binnenwärts, über jungen Gemüsepflanzen in vielfältigem Grün. Die Schwester Gärtnerin hat ihre Äcker wohlbestellt. Zum Waschhaus hinüber zieht eine wirbelnde Gruppe halbwüchsiger Mädchen. Die beiden Kindertanten haben sichtlich Mühe, die Blase im Zaum zu halten.

Man hat mich wohl bemerkt – den Jüngling auf der Mauer. Eine der beiden Fräuleins winkt mir zu – ich kann nicht erkennen, ob ich sie kenne.

Bevor ich mit mir einig bin, wie ich es jetzt halten soll, ertönt ein schriller Doppelpfiff. Er klingt gar nicht mädchenhaft – eher burschikos. Offenbar ein Signal. Sekunden später steht an einem offenen Fenster, im Hochparterre, das Ziel meiner Begehrlichkeit.

Die Truppen haben mich auf jeden Fall erkannt, und Melder gespielt. Ein Sonnenball wirbelt durch den Gemüsegarten, und wir liegen uns in den Armen. Uns bleibt bloß die Zeit für einen atemlosen, verzehrenden Kuß, und die Worte: Bis zur Freistunde – Dünenhäuschen sieben. Schon ist sie wieder weg –  und läßt einen verwirrten – vor seliger Erwartung zitternden – Halbmann, inmitten gebeutelter Kohlpflänzchen, stehen. Bevor ich mich über die Mauer davon mache, richte ich noch schnell die Pflänzchen. Eine verärgerte Schwester Gärtnerin möchte ich uns nun doch nicht einhandeln.

 

Vergnügt schlendere ich zum Kaiserhof zurück. Heiner ist von seiner Waldarbeit noch nicht zurückgekehrt. Er schnarcht noch zum Gott-erbarmen. Der Junge ist kaputt wie nur was. Na ja – ich kann es verstehen. Er hat ja auch keine liebende Sonne, die ihm Energie schenkt.

 

Dabei ist er mir in manchem über, der Gute. Das muß ich neidlos anerkennen. Wir sind am gleichen Tage hier gelandet, waren von der ersten Stunde wie Brüder. Man nennt uns auch wohl die Unzertrennlichen. Wir haben gemeinsam so manchen Bockmist verzapft – holla – damit kein falscher Eindruck entsteht – nichts Ehrenrühriges. Aber tierisch war’s doch schon manches mal.

So im letzten Herbst, kurz vor der Winterpause. Chef und Chefin waren eine Woche außer Haus, und wie das so mit den Mäusen ist, wenn die Katze nicht da ist: Es wird auf den Tischen getanzt.

Den genauen Anlaß weiß ich nicht mehr – auf jeden Fall stiftete Wer zwei Flaschen Orangen-likör. Klingt harmlos – nur die Prozente hatten es in sich. Und uns stifteten sie an, uns zu beweisen. Was wir auch prompt taten! Chef – wo steht das Klavier? Jeder eine Flasche auf Ex austrinken. Der standfestere bekam die Königswürde.

Geleert haben wir beide die Flasche, bloß – ich fiel schon nach zehn Minuten in die Tiefen eines Donnerrausches, Heiner stand fünf Minuten länger auf den Beinen. Ihm gebührte die Krone.

Nur – was hatte er von seiner Krone? Genau soviel elend zufrieden, und genau soviel strubbeligen Kater wie ich. Also, Null Vorteil.

Bis die Stabsführung wieder im Hause war, waren die sichtbaren Schäden an Geist und Körper verflogen. Glück für uns zwei. Ein mittelschweres Erdbeben wäre sonst wohl die Folge gewesen.

 

 

* * *

 

 

Alles das ist Vergangenheit, und heute morgen drängt es mich, den Schmuck meines Hauptes in Schwung bringen zu lassen. Oh Liebe, wie bewirkst du Wunder.

Bei Figaro Kurt wird viel erzählt – der Salon ist der Insel Nachrichtenbörse!

Heute muß ich natürlich als Informant herhalten, und sein Wissen auf den neuesten Stand bringen. Dafür macht er mir auch einen besonders schönen Schlag in die Frisur. Sozusagen als Honorar. Irgendwie bin ich denn doch heilfroh, der halbwarmen Atmosphäre seines Salons entfleuchen zu können. Draußen ein paar mal tief durchatmen – so, jetzt geht es wieder. Bei der Sitzung ist die Zeit davon gerannt.  Zurückgehen und essen ist nicht mehr drin.

Ich frage mich ernsthaft, ob ich auf Makkaroni und Gulasch verzichten kann, und beschließe, das opulente Mahl zu verschmähen.

 

Das Dünenhäuschen sieben ist mein Ziel. An einem Rosenstock, mit herzblutroten Blüten, kann ich unterwegs nicht vorbeigehen.

Ich lobe mir von der fleißigen Frau im Garten eine Rose aus – eine Rose für mein Herzblut. Den ganzen Weg, bis hin zu meinem Glück, habe ich wohl die Nase an der Blume. Es entströmt ihr ein Duft, der die Sinne trunken macht. Mein Schatz braucht gleich nur noch ein Tröpfchen obenauf tun, und ich bin ihr verfallen mit Haut und Haaren.©ee

Ewald Eden : Nordwehen.

 

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