„Strahlende Welten“

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„Strahlende Welten“ 

„Sie haben Krebs“ – diese drei Worte hätte er doch gleich an den Anfang seiner Rede stellen können, dann hätte er sich und mir das andere salbungsvolle Geschwafel erspart, und wir wären schnell damit durch gewesen. Später hat er mir einmal gesagt, dass er sich nicht getraut habe, es auf die direkte Art hinter sich zu bringen, und dass im Nebenzimmer ein Psychologenkollege für alle Fälle bereit war mich aufzufangen, wenn ich durch die „Offenbarung“ der Diagnose in ein seelisches Loch gestürzt wäre.

Rätsel hätte ich ihm aufgegeben, als ich angesichts seiner Eröffnung völlig anders reagiert habe, als wie es in der Regel geschehe, wenn er einem Patienten mitteilen müsse, dass seine Lebenszeit sichtbar begrenzt sei.

Ich dagegen hätte die Mitteilung aufgenommen, als wenn er mir gesagt habe, daß nach der zehn die Zahl elf komme und daß dies ja nichts Neues für mich wäre.

Nachdem anschließend noch alle Zähne aus Ober- und Unterkiefer entfernt worden waren, weil mein neuer Untermieter, der Herr Krebs“, in den Kieferknochen kräftig mit den Modalitäten seines Einzuges beschäftigt war, wurde ich nach Hause entlassen. In die guten Hände der Menschen um mich herum, wie man mir sagte. Bloß, was wußte ich, was mich erwarten würde in diesen guten Händen, von denen ich ja noch so gut wie keine kannte.

Nun stand ich da in meinem kurzen Hemd und benötigte plötzlich etwas, was ich über Jahrzehnte nicht gehabt hatte – ich brauchte einen praktischen Hausarzt. Es sollte möglichst ein Hausarzt sein, der mir alle Wege die ich gehen sollte aufzeigte, und sie ein wenig für mich ebnete. Einen Hausarzt als Hilfe bei allem Papierkram der notwendigerweise anfallen würde, und der auch mal Haltstop sagen könnte, wenn es die Spezialkollegen mittels der Maschinenmedizin ein wenig übertreiben würden.

Was so in den nächsten Tagen und Wochen um mich herum ablief, das lief wie von selber. Ich stand wahrhaft abseits des Geschehens. Ich war ein Zuschauer, als wenn ich gar nicht zu dem Spiel dazugehörte.

Mit Skalpell und Schneiderei war dem Gast in meinem Körper ja nun nicht beizukommen. Das hatte man mir ja klipp und klar verklickert. Nun sollte ihm bei uns in der Stadt im hiesigen Krankenhaus mittels einer Strahlentherapie auf den Pelz gerückt werden. Mit dem Beschuß aus der großen Kanone sollte ihm ein heißer Hintern beschert werden. Ein Generalangriff sollte es werden – von aussen mit Strahlen und von innen mit Chemie. Das war die Strategie. So wollten sie es machen.

Fein säuberlich zu Papier gebracht, bekam ich zum Begreifen mittels Selbststudium den geplanten Ablauf mit nach Hause.

Neununddreißig mal wollte man mich in der Radiologie durch das Zentrum von Hiroshima schicken. Begleitend dazu vorerst sechs mal in der Onkologie innerlich chemisch reinigen.

Ich ließ die gesamte Mannschaft in ihrem Tun gewähren und ließ ihre fleißigen Hände machen. Ich stand ja ausserhalb dieses Kreises, und schaute mir das Werk als Unbeteiligter an.

Flinke Hände vermaßen mich von innen und aussen. Bleiernes Rüstzeug wurde mir angemessen. Praktisch alles, was sich in Zahlen und Werten ausdrücken ließ, wurde mit mir angestellt

Das „ausserhalb dieses Kreises stehen“ konnte ich solange tun, bis ich am eigenen Leibe zu spüren bekam, daß ich der Mittelpunkt des Wirbels um mich herum war. Zu dem Zeitpunkt, als ich begriff, daß ich mitten in dem Karussell saß, bin ich in das Ruderhaus an Deck übergewechselt um dort am Rohr mitzudrehen. Ich wollte doch unmittelbar erkennen wohin mein Schiff trieb, und als Kapitän an Bord zumindest versuchen den Kurs zu halten. Ich wollte nicht, daß mein Kahn – mein Lebensschiff – durch einen falschen Dreh am Ruder, durch einen der Decksleute aus der Mannschaft, unversehens auf einer Untiefe landete und letztendlich als Wrack dort liegenblieb.

Ich wußte in meinem Inneren, daß über mir einer war, der das Fahrwasser für mein Schiff freihalten würde. Freihalten bis in den Hafen, in dem ich am Ende für ewig den Anker fallen lassen konnte.

Ich wußte aber auch, daß ich nun zuerst durch ein wildes Wasser lavieren mußte, hinter dem dann die ruhige See lag.

Die rauhe See habe ich in der direkten Folge auch voll mitbekommen. Neununddreißig mal lag ich unter der Sonne von Tschernobyl zu braten. Ich habe mir in den Tagen immer wieder gesagt, dass ich es mir ja noch aussuchen könne, ob und wo ich diese Strahlenkuren zubringen wolle. Die Menschen in den mit einer solchen Sonne beglückten Landstrichen hatten dagegen keine Wahl, und auch nicht die geringste Chance gehabt. Sogleich fühlte ich mich jedesmal wieder auf der Seite der vom Schicksal begünstigten Geschöpfe.

Bevor es nun das erste mal mit der heißen Sonne im Strahlenbunker losging, stand zuvorderst das große chemische Reinemachen an. Das hieß, sich alle zwei Wochen ein paar Stunden lang inmitten eines Kreises von ebenfalls an Krebs erkrankten Patienten die Inhalte etlicher Flaschen mit chemischen Substanzen in die Blutbahnen träufeln zu lassen.

Auf eine Art kam es mir vor, als wenn ich für die Nachwelt konserviert werden sollte. So wie es in Rottmanns Preßspanwerk bei uns am Kanal zu meiner jungen Zeit mittels Formaldehyd bei den Spanplatten gemacht wurde.

Ich sah vor meinem inneren Auge schon die Zahlenreihe auf meiner Stirn, an der jederman ablesen konnte, für wie lange ich noch zu geniessen sei. Mein Verfallsdatum sozusagen.

Diese Vorstellung hat mir, trotz der bedrückenden Atmosphäre um mich herum, zumindest noch ein Schmunzeln entlockt. Obwohl es in diesem Kreise gewiß keinen guten Grund zum Lachen gab.

Das lag aber vermutlich nicht an den Menschen, die sich dort tagein, tagaus um das Wohlbefinden der Patienten sorgten. Oder sollte ich es zutreffender als ihr sich tägliches kümmern um das „Unwohlsein“ der Erkrankten benennen?

Es war wohl eher deshalb so, weil das Lachen sich da nicht richtig zuhause fühlte.

Nach dem ersten mal tröpfeln weiß ich gar nicht einmal mehr, wie ich es nach Hause hin geschafft habe. Ich weiß nur, dass ich in den nächsten Tagen daheim ein Rennen in der Art mitgemacht habe, wie ich es in meinem Leben bis dahin noch nicht erlebt hatte. Ich kam mir vor wie in der Fabel von der Wettläuferei zwischen dem Hasen und dem Igel. Es war ein Dauerlauf zwischen Kotz- und Kloschüssel – nur, daß ich jetzt Hase und Igel in einer Person war.

Pillen, Medikamente, Arzneimittel hatte ich eine Menge verordnet bekommen. Dreizehn verschiedene Sorten – über den Tag verteilt einzunehmen – zählte ich, als ich die Schachteln, daheim am Küchentisch sitzend, zu sortieren begann. Dreizehn verschieden bunte Produkte aus den diversen Giftküchen der Pharma-Industrie. Nach dem dritten Beipackzettel habe ich entnervt aufgehört diese zu lesen, obwohl ich mit der Aufnahme geschriebener Informationen allgemein keine Schwierigkeiten habe – DAS war mir einfach zu einfältig, was mir da an unsäglichen Unwägbarkeiten von Seiten der am menschlichen Leid groß verdienenden Konzerne um die Ohren geschlagen wurde. Warum sollte ich Pillen gegen die Nebenwirkungen und Folgen der Einnahme von Pillen einnehmen, und deren Nebenwirkungen und Folgen dann ebenfalls mit weiteren Pillen bekämpfen? Das versprach dann ja irgendwie kein Ende. Oder mein Ende.

So wie sich die Preise für die Arzneimittel in teils astronomischen Höhen bewegten, so empfand ich in diesem Augenblick auch die Herstellung und den Vertrieb als eine für die Pharmakonzerne staatlich sanktionierte Lizenz zum Gelddrucken. Diese Art von Vergehen am Volke konnte und wollte ich nicht auch noch unterstützen.

Eingenommen habe ich letztendlich keine einzige Pille. Ich habe den Inhalt der Tüte voller augenverführerischer Pharmazie beim nächsten Termin auf den Schreibtisch der mich begleitenden Onkologin entleert, und ihr meinen Entschluß der Nichteinnahme kundgetan. Sie hat mir darauf nichts erwidert – sie hat mich bloß angeschaut. Selbst als ich ihr sagte, dass ich auch die Chemotherapie absetzen würde, weil ich die Rennerei zwischen Klosett und Spuckeimer nicht wolle, hat sie mich nur mit ihren klugen Augen angesehen, als wenn ich von weither, von einem fremden Stern gekommen wäre.

Ich habe dann die chemische innere Reinigung tatsächlich beendet, und bin danach nur jeden Tag in den Sonnenscheinkeller gegangen, um ein Ahnen von Tschernobyl zu geniessen. Ich habe es nachher wirklich als ein Stück Erholung betrachtet, da jeden Tag die vorgegebene Dauer unter dem Kellergrill zu liegen.

Mir ist nämlich in den Wochen etwas zuteil geworden, wofür andere Menschen sich jahre- manchmal lebenslang drum mühen und quälen müssen. Mein Körpergewicht hat sich um das halbe Wiegen reduziert. In acht Wochen war es von 145 Kilogramm auf 72,5 Kilogramm reduziert worden. Einfach so und ohne irgendwelche teure Essbremse als Abspeckhilfe. Dabei gab es auch kein rauf und runter und keine schlechte Laune, die einem das Leben zur Hölle werden lassen kann, weil die Menschen um einen herum, die Familie, das ständige auf und ab nicht mehr ertragen können.

Die Frau Doktor, die ich damals gefunden habe (ich habe oftmals bei mir gedacht, sie sei mir vom Schöpfer zugewiesen worden) hat mir ohne Zweifel enorm dabei geholfen. Ohne ihr ‚mir zur Seite gestanden‘, bin ich mir nicht sicher, ob ich diesen Text jetzt noch würde formulieren können.

Jeden Tag hat sie über einen langen Zeitraum dafür gesorgt, dass mein geschwächter Körper nicht austrocknete. Jeden Tag führte sie mir mittels einer Kanüle über die Armvenen zwei Stunden lang neutrale Flüssigkeit zu, weil ich nicht in der Lage war eigenständig ausreichend zu trinken. Jeden Tag habe ich zwei Stunden in einem ihrer Behandlungsräume geschlummert wie in Abrahams Schoß.

Von meiner Krankenkasse vergütet bekommen hat sie ihr Mühen nicht. Von den dreißg €uro, die für sie für jedes Quartal Behandlung von der Kasse als Pauschale herübergeschoben wurden, konnte sie wahrlich keine großen Sprünge veranstalten.

Ich habe Frauke K. – die in der Zeit meine behandelnde Doktorin war – denn auch einmal gefragt, warum sie das alles mit mir anstellen würde. Sie hat mich bloß von unten herauf angeschaut, als sie mir antwortete: „Weil ich Ärztin bin, und weil das Helfen mein Beruf ist. Und wegen dem anderen, was sie da angesprochen haben, da machen sie sich man keine Sorgen. Ich verhungere schon nicht.“

Das hat sie mir gesagt, bevor ich denn wieder zwei Stunden in einer ihrer stillen Kammern in mein anders gewordenes Leben hineinschlafen durfte. Ihre Praxis hat sie bedauerlicherweise kurze Zeit später aus wirtschaftlichen Gründen trotzdem aufgeben müssen. Der Zwang der Ökonomie oder die Unfähigkeit und das Versagen der Politiker in unserer Gesellschaft war die Ursache.

Politischer Schwachsinn, gepaart mit menschlicher Böswilligkeit, hatte wieder einmal einen Sieg davongetragen.©ee

Ewald Eden.

Ein kurzer Auszug aus deinem Buch :

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Diagnose KREBS – und ein anderer Umgang damit ….

mehr Wahrheit geht nicht.

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Taschenbuch: 104 Seiten
Verlag: Books on Demand; Auflage: 1 (25. April 2016)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3739235667
ISBN-13: 978-3739235660

Kindle edition 3,49 Euro
Taschenbuch 4,99 Euro

Die Nachteule

 

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5 Gedanken zu „„Strahlende Welten“

  1. Anna-Lena sagt:

    Danke für diesen so mutigen Auszug, lieber Ewald.
    Ich finde deine Konsequenz beachtlich und auch den Umgang mit deiner Krankheit. So vieles ist nur ein Hinauszögern mit Giften und Medikamenten, die den Körper an anderer Stelle völlig kaputt machen. Und – eines ist auch bekannt – Krebspatienten, die sich auf das ganze Gedöns mit Strahlentherapie und Chemo einlassen, bringen Geld.

    Möge es viele solcher Ärztinnen und Ärzten geben, die sich ihrer Berufung so bewusst werden.

    Eine sehr gute Bekannte von mir, eine Ordensschwester, ist auch sehr krank mit Darmkrebs und Metastasen in der Leber. Ihre erste Reaktion war: ich bin hier fertig, wenn Gott will, dass ich gehe, dann gehe ich.
    Für mich eine bewundernswerte Haltung.

    Ich wünsche dir noch eine Menge Lebensqualität!
    Herzlich,
    Anna-Lena

    Gefällt 1 Person

    • nachtuul sagt:

      Liebe Anna-Lena ….

      die folgenden Worte habe ich gerade einer lieben Freundin auf einen Brief den sie mir schrieb, geantwortet:

      Guten morgen, liebe Ros ….,

      es ist mir jedesmal wie eine Offenbarung wenn ich zu wissen bekomme, dass ich anderen Betroffenen – ganz gleich ob sie es direkt oder indirekt sind – ein wenig Tröster, Ratgeber oder auch Wegweiser sein konnte oder kann. Mein Weg muß nicht der sein den andere gehen können oder müssen – DAS sollte ein jeder nach sorgfältigem Abwägen aller Dinge für sich UND NUR für sich entscheiden. Ein großes Glück ist dann immer wenn die „guten Hände“ um ihn herum seine Entscheidungen akzeptieren. Ich habe mich nicht beirren lassen und bin froh darüber. Längs des Weges den ich in den letzten Jahren gegangen bin standen natürlich einige Menschen (unter ihnen auch einige Mediziner) die mein Verhalten nicht gerade richtig und gut fanden (einige zweifelten auch wohl gar an meinem Verstand) aber der Tatsache, dass ich aus in 2008 prognostizierten 4 Monaten Restlebenszeit (natürlich mit gleichzeitigem Einsatz des gesamten pharmazeutischen Waffenspektrums) OHNE jegliche Pharmazie mittlerweile 9 Jahre gemacht habe können selbst die größten Zweifler und auch erfahrensten Mediziner das SEIN nicht absprechen.
      Liebe Freundin, mein Denken ist bei Deiner Tochter, bei Euch als Familie – UND hier findet Ihr jederzeit ein großes offenes Ohr – und das mit JEDERZEIT das ist genauso gemeint ….
      in aller Herzlichkeit

      Ewald

      Gefällt 2 Personen

      • Anna-Lena sagt:

        Das zeigt doch, dass du es genau richtig gemacht hast, gratuliere dir.
        Meiner Bekannten hatten sie im April noch zwei Monate gegeben, sie hat schon 6 weitere Monate „erlebt“ .

        Jeder muss für sich selbst entscheiden und darf sich nicht fremdbestimmen lassen.
        Alles Liebe weiterhin für dich und sei behütet,
        Anna-Lena

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  2. nachtuul sagt:

    Danke, Anna-Lena – und ich werde IMMER daran denken.

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