Weißt du noch . . . ???

Weißt du noch . . . ???

 

 

 

 

Sophie hatte bis zum Auftauchen der Fahnderbrigade in unserem Zuhause alle Spuren ihrer ungesetzlichen Tätigkeit beseitigt. Riechen, so wie in anderen Brennereien, konnte man bei uns wegen der ausgewählten Rohstoffe eh nichts – weder während des Betriebes der Apparate noch jetzt, wo alle Gerätschaften bombensicher im Urgrund verstaut waren. Bei uns zu Hause wurden die Zöllner auf jeden Fall nicht fündig, aber dafür fanden sie bei Frau Burmester umso mehr an Informationen. Alles was die Gute wusste, das offenbarte sie den Staatsbütteln in Grün. Von den Internas wusste sie zum Glück nur die Notizen vom Rande. Die aktuellen Kundenadressen reichten aber schon, um einen respektablen Schaden anzurichten. Es waren nämlich nicht nur die der Abnehmer der letzten Tour – nein, die Empfänger der früheren Lieferungen gab sie auch bereitwillig preis, soweit sie ihr bekannt waren.

Einige Zöllner hat es gefreut, die Menschen auf der anderen Seite weniger. Es wurde untersucht, es wurde nachgeforscht, die Ermittlungen liefen hin und her – aus der Notzeiten-Schwarzbrennerei Eden & Co. war nun ein Fall geworden, sozusagen ein Fall von „Staatsbeschiß – ein Aktenvorgang.

Aus unerfindlichen Gründen beschränkte sich das Prozedere aber insgesamt nur auf die Vorgänge um die Letztlieferung.

Ich vermute, die Ermittlungen wurden damals von den zuständigen Personen bewusst so kleingehalten geführt, denn die Äußerung eines Zöllners gegen-über meiner Mutter, hätten wir am Bus auch nur geahnt, dass der Genever von ihnen ist – es wäre ja gar nichts weiter passiert, ließ auch einfach keinen anderen Schluß zu. Besagter Zöllner hatte sich nämlich ein paar Tage zuvor, mit meinem Vater zusammen, die köstlichen Tropfen in unserem Wohnzimmer noch ausgiebig schmecken lassen. Die beiden Mannsleut hatten sich das verführerische Nass so sehr schmecken lassen, dass mein ältester Bruder den Freund Grünrock nach Anbruch der Dunkelheit in der Messelkarre als Decksladung nach Hause transportieren musste.

Auch Zöllner sind bloß Menschen. Na ja – hin und her – Ermittlung – Anklage, Gerichtstermin, Ver-urteilung wegen Verstoßes gegen das Staatsmonopol Spritherstellung, Steuerhinterziehung, unerlaubten Handel treiben, und, und, und …

Schicksalhaft oder verschärfend an der ganzen Misere war nur der Zeitpunkt des entdeckt werden – die Tatausführung zu Billiggeldzeiten – der Urteilsspruch zur neuen D-Markzeit. Dreihundert Reichs-Mark Geldstrafe vor der Währungsreform wären gar nicht erwähnenswert gewesen – ein Fliegenschiss auf einem Fußballfeld sozusagen.

Dreihundert D-Mark nach der Währungsreform, die waren schon ein Knaller. Einige Wochen zuvor hatte jeder Deutsche Staatsbürger ja seine 40 DM Kopfgeld erhalten. Weit springen konnten die Menschen damit wahrlich nicht. Den beiden verurteilten Frauen wurde aber großzügigerweise Ratenzahlung eingeräumt: 5,- DM betrug der monatliche Abtrag an die Staatskasse.

Ein paar Tage nach Zustellung des Strafbefehls wurde meine Mutter ins Zollhaus, in die uns nächste Zolldienststelle, nach Rüstersiel einbestellt. Wir Kinder waren voller Angst, dass unsere Mutter nun eingesperrt werden würde. Bevor sie zum Amt ging kam ihr Versprechen, mit dem sie uns unsere Angst nahm. Es hat die Zeit überdauert. „Wenn man mich einsperrt, dann nehme ich euch alle mit. Dann müssen die da auch für euch alle sorgen.“ Danach ging sie zum Amt – und nahm uns alle mit. Im Gänsemarsch zogen wir die mit Klinkern gepflasterte Strasse von Voslapp nach Rüstersiel. Im Zollamt durften wir zwar nicht mit ihr zusammen in das „Allerheiligste“ vordringen, mit uns beschäftigte sich währenddessen ein älterer Zollsekretär in der Wachstube – aber wir waren der Mutter nahe. Als sie das Büro des Leiters verließ, da schwebte sie förmlich über den geölten Steinholzfußboden der Zollrevierwache nur so dahin. Der Amtsvorsteher hatte die Akte meiner Mutter vor ihren Augen zerrissen und die Fetzen mit einem Lächeln ins Nirwana geschickt. Da irren sie jetzt, nach so vielen Jahrzehnten, wahrscheinlich immer noch umher. Ihrer Verpflichtung, 300,- D-Mark als „Bußgeld“in die Staatskasse einzuzahlen, war sie damit entledigt worden.

Frau Burmester hat von diesem „Schuldenerlaß auf dem kleinen Dienstwege“ natürlich erst erfahren, nachdem sie treu und brav 60 Monate lang 5 Mark gezahlt hatte. Das war meine Mutter sich selber schuldig, als kleine späte Genugtuung sozusagen.

Ja ja, die Frau Burmester … von ihr gäbe es so manche Begebenheit zu erzählen. Hier ist schon mal eine davon.

Edens hatten immer Haus- und Nutztiere. In Notzeiten ist es eine sichere Gewähr gegen den familieren Hunger. Eine Milchkuh war bei einem befreundeten Bauern im Nachbardorf Sengwarden aufgestallt, zwei Schweine bevölkerten das Jahr über den Hausstall, Karnickel mümmelten sich in den Stallungen an der Hinterhauswand durch ihr Kaninchendasein, eine Koppel Schafe und eine Ziege ließen es sich auf den gepachteten Deichabschnitten zwischen dem Geniusbankdeich und dem Knyphauser Siel, und ein gutes Dutzend Eierleger im Hühnerauslauf gut gehen. Hühner waren es später, in den Middelsfährer Obstgartenjahren, erheblich mehr von der Anzahl her. Von Middelsfähr und dem Obstgarten berichte ich an anderer Stelle ausführlicher.

Hund und Katze und Meerschweinchen zählten zwar auch zur Familie, sie spielten aber ja in Punkto den menschlichen Hunger stillen für uns keine Rolle.

Und wie es denn so war, wir hatten Hühner, Burmester hatten kein Federvieh im Stall. – also wanderten eines Tages zwei Hühner im Korbe als Hungerhilfe von Eden nach Burmester, um auch in deren Haushalt die tägliche Eierversorgung sicherzustellen. Gratis natürlich.

Wie es sich dann eines Tages so ergab – unsere Hühner waren gerade in der Mauser. Eier auf Vorrat gab es bei uns eh nicht, weil irgendwie immer Menschen da waren, die um Mutters Großherzigkeit wussten und die Eier benötigten. Kurz und gut – wir hatten keine Eier im Hause, als meine Schwester Tilde sich mit kochendem Wasser den Arm verbrühte. Um das Entstehen einer Riesen Brandblase zu verhindern musste da rohes Eigelb drauf. Da Frau Burmester wegen ihrer „Sparsamkeit“ bekannt war, hegte Mutti die Hoffnung von ihr ein Ei aus ihrem Vorrat zu bekommen – obwohl für Burmesters 6 Personenhaushalt ja nur zwei Hühner Eier produzierten.

Mathilde wurde mit der Bitte um ein Ei geschickt. Frau Burmester hatte Vorrat – ein Ei wurd’ gegeben und ein wesensbezeichnender Satz gleich dazu: Mama soll mir das Ei aber schnellstmöglich wieder zurückbringen lassen. Dazu erübrigt sich doch jeder Kommentar.

Noch eine Begebenheit möchte ich als Beleg für Frau Burmesters „Sparsamkeit“ anfügen.

Zweimal im Jahr war bei uns im Hause Schlachtfest – jedes Frühjahr und jeden Herbst sprang ein Schwein über die Klinge. Geschlachtet wurde nur in Monaten die ein „Rudolf“ im Namen führen. In den Monaten ohne dieses „r“ war es einfach zu warm.

Die Hausschlachter gingen in den warmen Monaten anderen Tätigkeiten nach – meist in ihren erlernten Berufen, denn Schlachter hatte in der Regel keiner von den mir bekannten Hausschlachtern gelernt. Beim „gelernten“ Schlachter wird das Ergebnis seiner Bemühungen meist vom Profitdenken bestimmt. Beim „Hausschlachter“ alter Prägung dagegen weitgehend von der Geschicklichkeit und dem Geschmack der ihm assistierenden Hausfrau. Das alles aber hat mit Frau Burmester nun nicht das Geringste zu schaffen, obwohl es sich hier auch um die Wurst dreht.

Bei unseren Schlachtfesten bekam jedes der anwesenden Kinder einen Kringel geschenkt. Ein Kringel das ist gut 200 Gramm Mettwurst im Ring. Dieser Kringel gehörte dann jeweils dem Kind, das ihn bekommen hatte. Mettwurst soll allgemein an der Luft trocknen, bevor sie zum Verzehr angeschnitten wird. Für den Trockenvorgang werden die Würste unter der Decke – de Böän – am Schornstein oder auf dem Dachboden aufgehängt zum Reifen. Unsere Kringel hatten meist gar keine Zeit zum Reifen oder Trocknen – wir verzimmerten sie schon meist, kaum dass die Pelle, der Wurstdarm, nach dem Füllen trocken war. Wir brauchten ja nicht sparsam damit umgehen, denn bei uns hingen das ganze Jahr über Mettwürste und Speck- oder Schinkenseiten an der Decke und warteten darauf, den Weg alles Vergänglichen gehen zu können.

Burmesters Kinder Gertrud, Herbert, Hans-Georg und Otto hatten ja schnell gespitzt, dass bei Edens wieder ein Schlachtfest bevorstand und zogen am Abend mit ihren Kringeln beglückt nach Hause.

Als das nächste Schlachtfest angesagt war, da hingen die Kringel der Kinder noch immer in Burmesters Küche an der Decke. Soviel zu Frau Burmesters Sparsamkeit.

Eine andere Geschichte aus dieser Zeit, die auch mit Torf und Schwein zusammenhängt, spielt zwischen Eversmeer, Sengwarden und Voslapp. Mutti konnte sich wegen ihrer Aktivitäten im Moor auch zu den Torfproduzenten und -händlern zählen. Wir besaßen in Ostfriesland Land und Rechte um im Moor Torf abzubauen. Zumeist sollte es für den Eigenbedarf sein – in gewissem Rahmen wurde der Torf aber auch verhandelt. In diesem besagten Fall hieß es Torf gegen fettes Schlachtschwein. Schweineanbieter war der Bauer L. bei Sengwarden. Meine Mutter und der Bauer waren sich schnell handelseinig – und sowieso, man kannte sich ja von diversen anderen Alltags-Geschäften her. Ein Fuder Torf stand gegen ein schlachtreifes Borstenvieh.

Den Torf von Ostfriesland nach Wehlens transportieren, das war kein Problem. Fuhrmann Karl Buntkiel aus Alt-Voslapp war für solcherart Unternehmungen stets der richtige Mann. .Sein alter Frachtwagen mit Holzgasmotor erledigte einfach alles. Der Torf kam vormittags zum Bauern auf den Hof und das Schwein sollte dann im Gegenzug des Abends im Schutze der Dunkelheit über die Besat-zungsgrenze an den Kontrolleuren vorbei nach Voslapp geschafft werden. Von wegen der gesetzwidrigen Schwarzschlachterei. So war es zwischen Mutter Sophie und Bauer L. abgesprochen und mit Handschlag besiegelt worden. Als das Fuder Torf aber des Mittags auf dem Hof lag, da bestand Bauer L. plötzlich darauf, dass das Schwein sofort und in der Tageshelle abtransportiert werden sollte.

Wie meiner Mutter gesteckt worden war, warteten am Kontrollpunkt schon die Besatzer aus der benachbarten Kaserne, um die Sau zu beschlagnahmen. Die Serben hatten auch wohl gewaltig Appetit auf Schweinebraten, der ihnen hier aus der Nachbarschaft angekündigt worden war.

Des Bauern Schlitzohrigkeit hatte ihm vielleicht auch eingegeben, das Schwein über den Grenzposten wiederzubekommen. Frei nach dem Motto, eine Hand wäscht die andere. Er wollte wohl Torf haben und Schwein behalten. Wahrscheins hatte er sich gute Chancen dafür ausgerechnet, denn Mutter Eden war ja mit dem Fuhrmann allein in fremdem Revier, und der Torf lag im großen Haufen auf dem Hof. Solch einen dicken Strich hatte Bauer L. sein Lebtag noch nicht zu Gesicht bekommen, als wie Sophie ihm jetzt einen durch seine Rechnung machte. Er meinte vielleicht Sophie Eden gut und lange genug zu kennen – er kannte sie nicht. Nicht gut und nicht lange genug.

Fuhrmann B. bewachte also nach strikter Weisung den Torf und Mutter trommelte derweil in Voslapp alle Kringelempfängerkinder zusammen und beor-derte sie umgehend ins Nachbardorf. wer von den Nachwuchsvoslappern irgendwie und irgendwo einen Drahtesel auftreiben konnte, der schloß sich spontan diesem Kreuzzug in das zu der Zeit noch jeverländische Kirchdorf an.

Im Nullkommanichts waren die Torfstücke von vielen flinken Kinderhänden wieder aufgeladen und nahmen anschließend, an den sichtlich enttäuschten Besatzerkontolleuren vorbei, den Weg nach Voslapp. Für unseren eigenen Bedarf blieb dann von dem Fuder nicht viel übrig, weil ja die vielen freiwilligen Helfer auch belohnt werden mussten. Die hinterlistige Rechnung des Bauern aus Wehlens war aber jedenfalls nicht aufgegangen. Das war meiner Mutter der Einsatz wert gewesen.

Das man besser erst gar nicht versuchte mit Sophie Eden solcherart Spielchen zu spielen hatte meine Mutter ihm aufgezeigt.

Zumindest das hatte er wohl begriffen, wie er es später einmal sagte, der Bauer L. aus W.. Und am Ende die Freude, dem reichen Landmann die Suppe versalzen und eine Reihe armer Kinder und deren Familien zu einer warmen Küche verholfen zu haben, hat sie, so glaube ich, mehr gewärmt, als wie das größte Fuder Torf es hätte tun können.

Unsere Mutter setzte sich des Abends, wenn wir Kinder zu Bett waren und alles andere versorgt war, auf einem Stuhl vor den Küchenherd. Die Füße steckte sie in den noch warmen Backofen, weil des Nachts der Herd nur eingelegt war, und der sonstige Raum doch zumeist sehr abkühlte. Dann strickte sie, und wenn wir Kinder denn des Morgens zu Potte kommen mussten, weil die Schule uns rief, dann konnte wieder eines von uns ein Paar in der Nacht von ihr gestrickte lange Wollstrümpfe anziehen. Sie reichten uns stets bis hinauf in die Leisten. Wenn dies hier später vielleicht einmal jemand lesen wird, dann mag er wohl staunend sagen, so etwas gibt es nicht. Und doch war es so.

Eine andere Begebenheit möchte ich erzählen, die manch einer auch ins Reich der Fabel abtun würde.

Meine Schwester Meta war nach ihrer Schulzeit in Stellung gegangen. Das heißt, sie war als Magd bei einem Bauern im Jeverland in Arbeit gekommen. Im ersten Winter kam sie am Abend vor ihrem freien Tag spät mit dem Fahrrad nach Hause. Jede zweite Woche gab es in der bäuerlichen Landwirtschaft am Sonntag frei – aber nur immer die Zeit zwischen dem morgendlichen und dem abendlichen Melken. Ihre Kleidung, ihre Wäsche und alles was sonst dazugehörte, das musste zuhause von der Mutter in Ordnung gebracht werden. Erbärmlich war der Zustand meiner Schwester. Völlig durchnässt, völlig durchgefroren und mit Erfrierungen an den Füßen – auch wegen des dünnen Schuhzeugs. Sie war fast unfähig noch laufen zu können. Unten in der Nähstube auf dem Chaiselongue, unserem französischen Prachtmöbel, machte Mama ihr eine Schlafstatt zurecht, auf der sie dann auch sogleich in einen todesähnlichen Schlaf fiel. Sie war total erschöpft. Mutter blieb die ganze Nacht auf und umsorgte ihre Tochter. Sie nutzte die Zeit, um zu nähen und zu stricken. Als meine Schwester des Morgens erwachte, konnte sie ein Paar neue Wollstrümpfe anziehen, die unsere Mutter in der Nacht für sie gestrickt hatte – und sie hatte in den Füßen keinen Frost mehr. Sie war vollkommen beschwerdefrei. Was war geschehen? Mutter hatte die ganze Nacht hindurch mit Urin getränkte Umschläge um die frostgepeinigten Füße ihrer Tochter gewickelt. Sie hatte uns Geschwister deswegen ein paar Mal aus dem Schlaf geholt, wenn ihr für die Behandlung der Urin ausging, damit wir unsere Pipi in einen Topf pinkelten. Ein Wunder war geschehen – so schien es.

Mutter konnte aber auch anders sein. Manches mal grenzten ihre erzieherischen Maßnahmen auch fast an Wunder. Meine jüngste Schwester Helene war ja ihrem Gebaren nach schon eher ein Junge. Sie war unangefochten die Anführerin aller in der Nachbarschaft wohnenden Jungen. Die der Mädchen natürlich auch. Unser Schulweg in Voslapp war eigentlich ein kurzer Weg über eine gute Strasse. Helene mitsamt ihrer Clique benutzte aber einen anderen Schulweg – die Verbindung zwischen und hinter den Siedlungen – den Weg durch die Entwässerungsgräben, die ‘Gubbelschlöte’. Dementsprechend sahen sie natürlich auch alle aus, wenn sie aus der Schule durch den Garten nach Hause gestiefelt kamen. Für unsere Mutter war das immer wieder eine riesige Freude, denn nicht nur Helene stand stets zur Reinigung an – nein, auch ihre Gefährten wurden geschrubbt und die Kleidung gewaschen und geflickt. Ansonsten hätte es nämlich bei den meisten von ihnen zuhause ein Riesendonnerwetter gegeben. Eines Tages nun hatte Mama Sophie einen großartigen Einfall – eine grandiose Idee.

Helene wurde ernsthaft von ihr klargemacht, dass, würde sie noch einmal mit den Kameraden durch die Gräben ziehen, meine Mutter ihr eine Stricknadel in den Hintern stechen würde. Wobei Mama ihr zeigte, bis wie tief der Stich beim ersten und um wie viel tiefer der Stich beim zweiten Mal ausfallen würde. Und da unsere Mutter ja allgemein als eine ernsthaftige Person galt, ging Klein-Helene fortan ganz gesittet den normalen Schulweg über die befestigte Strasse. Dadurch war Helene nun keineswegs zu einer Musterknäbin geworden – aber ein kleines Stückchen mehr Mädchen war sie von da an doch.

So reiht sich ein Kindheitserleben an das andere. Es gibt noch viel zu berichten.

Wenn unsere Mutter von zuhause fort war, was ja nahezu täglich der Fall war, blieben wir Geschwister natürlich allein im Hause bis sie von ihren Geschäften zurückkehrte. Wo sechs Kinder sind, da sind naturgemäß auch viele Freunde. Mutters Leitsatz, wenn sie ging, der war stets: Geht nicht mit euren Schulkameraden nach Hause – ich will, wenn ich wiederkomme, von den Eltern der anderen keine Klagen über euch zu hören bekommen. Ich weiß, ihr seid vernünftig – bringt eure Freunde mit nach Hause – wenn dann mal etwas kaputtgeht, dann habe ich wenigstens keinen Streit mit den anderen Eltern. Diese Regel wurde von uns Geschwistern auch eisern befolgt. Dadurch war bei Edens natürlich immer was los. Langeweile war ein Wort, das uns völlig fremd war. Wir kannten Spiele, von denen heute die Kinder keine blasse Ahnung mehr haben. Sie sind zum größten Teil aus dem Wissen der Menschen verschwunden.

Einige Spielchen und ihre Abfolge möchte ich hier festhalten. Vielleicht leben sie eines Tages wieder auf, und erfreuen die Kinder erneut.

Ganz raffiniert war der „Besuch beim Zahnarzt“. Der Patient setzte sich auf den, mit einer bis zum Fußboden reichenden Decke versehenen und mit Löchern in der Sitzfläche präparierten, Behand-lungsstuhl. Ihm wurde ein Umhang umgelegt – der Kusendoktor schaute ihm mit einem zu einem Spiegel umfunktionierten Tee- oder Kaffeelöffel in den Mund. Es wurde mit dem Löffel geklopft und geguckt – und immer wieder kam die besorgte Frage des Doktors: Spürst Du schon etwas? Die Frage wurde solange mit einem Nein beantwortet, bis der unter dem Stuhl versteckte Mitspieler mit Hilfe einer Stricknadel beim Patienten für mehr oder weniger heftige „Zahnschmerzen“ im Podex sorgte.

Als Patienten konnten natürlich nur immer wieder Neulinge angeworben werden, was die Sache manchmal allerdings etwas schwierig gestaltete.

Der Besuch auf der Sternwarte war ein ebenso beliebtes Neulingsspiel.

Der Besucher durfte auf den Beobachtungsstuhl Platz nehmen. Da Sterne ja nur bei Dunkelheit beobachtet werden können, bekam der Sterngucker zuerst einmal einen blickdichten Militärmantel über den Kopf gehängt. Durch einen Ärmel dieses Mantels sollte dann wie durch ein Fernrohr der Sternenhimmel betrachtet werden. Von außen wurde anschließend immer wieder die Frage gestellt, ob denn schon etwas zu sehen sei. Es war solange ein Nein zu vernehmen, bis einer von uns Außenstehenden einen Topf kalten Wassers in den Mantelärmel entleerte. Keiner der Eingeweihten verriet etwas, damit uns die unwissenden Besucher nicht von der Fahne gingen. Jeder von uns war ja einmal auf der Schadensseite gewesen und alle wollten naturgemäß auch mal auf der Seite der Schadenfreude stehen. Diese Genugtuung wollte sich doch niemand entgehen lassen.

Ein ganz vergessenes Vergnügen war das Spiel, das wir „Schlittenfahren“ nannten. Schlittenfahren im Sommer und ohne Schnee. Irgendwie waren wir die Erfinder der späteren Sommerrodelbahnen.

Für dieses Vergnügen benutzten wir die Matratzen unserer Betten aus den Schlafzimmern im ersten Obergeschoß. Es waren die für diese Zwecke hervorragend geeigneten und ein wenig hartleibigen dreigeteilten Seegrasmatratzen, die zu der Zeit ausserhalb der ländlichen Gebiete schon die Strohsäcke oder –schütten ersetzten, die noch in den Alkoven oder Butzen unserer Großeltern zu finden waren. Die einzelnen Teile dienten uns als Schlitten, auf denen wir immer wieder die Treppe ins Erdgeschoß hinunter „rodelten“. In der Breite füllten sie exakt den Treppenlauf aus. Von dieser Zweckentfremdung der Matratzen durfte unsere Mutter ganz gewiß nichts wissen, das wussten wir. Irgendwann hat sie dann davon erfahren – aber wie gesagt, das war irgendwann – und irgendwann hat sie mir auch einmal erzählt, dass sie davon immer gewusst hat, und dass uns nur nie die Freude am Zuhausebleiben nehmen wollte. Unsere Mutter war schon eine kluge Mutter.

Äußerst beliebt war unter uns Kindern – und da waren es vornehmlich wir Bengels – zur Vorweih-nachtszeit das „Einrauchen“ der Tonpfeifen der Stutenkerle vom Nikolaustag. In Ermangelung originalen Tabaks rollten wir die wintertrockenen Blätter der Hainbuchenhecken und stopften damit die tönernen weißen Pfeifenköpfe, um sie dann mit mehr oder minder großem Erfolg zu schmöken. Mehr oder minder heißt, bei einem „mehr“ war der Erfolg in die Hosen gegangen – bei einem „minder“ beschränkten sich die Folgen auf einen verkorksten Magen und ein grünes Gesicht.

Ein Erleben dieser Art von Häuptlingswürde ist mir besonders lebhaft in der Erinnerung haften geblieben. Unser Stall auf dem Hof hatte über dem Hühnerrefugium einen kleinen Spitzboden unter dem Dachgebälk, auf den wir Kinder uns mit Vorliebe zurückzogen, wenn es etwas zu beschicken oder zu bereden galt, was nicht für die Augen und die Ohren der Großen bestimmt war. In diesem Rückzug von der Alltagswelt fanden auch die ersten Erkundungsstreifzüge in die Gebiete der noch mädchenhaften Weiblichkeiten des anderen Geschlechtes statt. Es waren für uns alle alles prägende Erlebnisse und Erfahrungen – diese noch zaghaften, aber im Nachhinein wunderbaren ersten Schritte in die Erwachsenenwelt hinein.

 

Weißt du noch . . .

 

Die Sommerrosen aus der Zeit –

weißt du noch wie sie rochen?

Die Jugend – sie liegt lang schon weit –

als wir in Hecken uns verkrochen.

 

Ob wir was ausgefressen hatten –

oder weil es bloß so schön,

manchmal war es kühler Schatten –

der uns ließ den Himmel seh’n.

 

Süßgeahnte fremde Welten –

noch nicht gefühltes dunkles Glück,

wie oft begann man uns zu schelten –

zog uns in Unschulds Welt zurück.

 

Doch jedes Riechen prägte Male –

mit jedem Fühlen loderte – zuerst der Kern,

und dann die Schale –

jeder Blick rückte die Kindheit fern.

 

Bis sie in tausend kleinen Stücken

füllte der Jugend engen Raum –

der Kindheitswelt mußt’ man entrücken,

es blieb uns immer nur der Traum.

 

Drum lebe, wenn du Kinder findest –

egal auch wo auf dieser Welt,

den Traum zurück – indem du bindest

die Seele nicht an’s große Geld

 

Ich sehe Feuermale streichen,

der Geist entweichet aus der Flasche –

wenn wir uns nicht die Hände reichen

liegt Unschuld bald in Schutt und Asche.©ee

 

 

Eines schönen Sommertages kam meine schon etwas sehr ältere Kusine Rinelde, die bei uns in der Strasse uns schräg gegenüber wohnte, aufgeregt rufend zu unserer Mutter in die Küche gelaufen. Tant’ Sophie … Tant’ Sophie … euer Hühnerstall brennt. Und tatsächlich – zwischen den roten Dachziegeln stieg intensiver grauer Rauch aus dem Inneren des Stalles auf. Was war die Ursache dieser beängstigenden Rauchentwicklung? Auf dem Hühnerstallboden hockten mein Bruder Hermann mit Gerd Buse und einigen anderen Kriegern – sie rauchten, was das Zeug hielt. So brannte zwar nicht unser Hühnerstall, aber eine überaus kurze Weile später (das jetzt bitte nicht mit dem Begriff ‚kurzweilig’ verwechseln) brannten in den heißesten Lohen die Hintern einiger tapferer Krieger und Friedenspfeifeschmökern. Der böse Zufall wollte es nämlich, dass Gerd Buses Vater Karl das Geschehen ob der Aufgeregtheit meiner Kusine aus erster Hand mitbekommen hatte, weil er gerade auf einen lütten Köhm bei Edens in der Küche weilte. Vater Karl war in seiner Art der Knabenzüchtigung nämlich nicht gerade zimperlich, und seine Pranken waren breiter, als mancher Übeltäter Hintern groß war. Daran konnte dann auch der heftigste Einspruch meiner Mutter nichts ändern. Dieses „Pack Haue“ war aber meines Wissens und nach meiner Erinnerung bei uns damaligen Welterkundlern von vorneherein mit einkalkuliert. Es hat uns auf jeden Fall nicht merklich vom Kurs abgebracht – geschmökt haben wir nach wie vor, eben nur an anderen, an nicht so augenfälligen und gefahrvollen Orten.©ee

 

 ewaldeden

ein kleiner Teilauszug aus

Verwehte Zeit

Getaggt mit ,

4 Gedanken zu „Weißt du noch . . . ???

  1. Eine wunderschöne Geschichte. Danke dafür! Erinnert mich fast schon an aktuelle Zeiten , hier in der Gegend. LOL
    Beste Wünsche zur restlichen Woche. LG Michael

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