Der Spiegel . . .

 

 

Der Spiegel . . .

 

Heiligabend steht im Land – der dritte Heiligabend nach dem Weltenbrand. Gretmarie steht vor dem blanken Spiegel, der über dem Tisch in der kleinen Kammer hängt, die seit tausend Tagen ihr Zuhause ist.
Seit der Nacht, als ein eiserner Tod aus den Wolken gefallen – und inmitten ihres Elternhauses seinen Verderben bringenden Grüßen freien Lauf ließ.
Als sie morgens vom Wachdienst im Feldlazarett heimkam, gab es kein Zuhause mehr. Einzig ein schwarzes, tiefes Loch – aus dem glimmernder, beißender Rauch wie Teufelsatem wehte.
Mutter, Vater, vier Schwestern, sechs Brüder – einfach alle weg. Nichts hat man von den zwölf Menschen gefunden – nichts, was man auf dem Kirchhof hätte zur letzten Ruhe betten können.
Bloß der Spiegel vor dem sie steht, der hing unversehrt in einem Apfelbaum. Den haben die Nachbarn gefunden.

Wie lange sie jetzt schon so dasteht, weiß sie nicht. Ihr Denken ist nicht bei ihr – nicht an dieser Stelle – ihr Denken läuft in dem Tag herum, als Marten mit dem Spiegel ankam. Als Geschenk für seine Gretmarie. Seit einem Jahr gingen sie damals schon zusammen. Gewiß – sie kannten sich schon aus der Schulzeit – aber Herz und Herz haben erst Jahre später zusammen gefunden, als sie sich irgendwo zufällig wieder begegneten.
Die Zeit war schwer – gerade, daß man zu essen hatte – und das war häufig auch noch wenig genug. Gretmarie war das siebte von elf Kindern. Ihr Vater war Landarbeiter beim Bauern.
Marten, als der älteste von sechs kleinen Schusterjungen, mußte Tag für Tag seinem Vater beim Flickschustern helfen. Aus beiden Elternhäusern schaute die Not mit hungrigen Augen häufiger heraus, als der funzelige Lichtschimmer der trüben Öllampe.
Es war kein Platz für Schnickschnack und neumodischen Kram.

In Gretmaries Familie gab es nur einen kleinen Spiegel – der war so spakig – man konnte sich mehr in ihm ahnen, denn sehen.
Kurz bevor sie in der kleinen Deichkirche heiraten wollten, überraschte Marten sie mit dem Spiegel – weil – seine Braut sollte doch sehen, wie schön sie war – wenn der Hochzeitstag anbrach.
Dafür hatte er Nächte gesessen, und für einen reichen Bauern ein paar Stiefel geschustert. Das Leder hatte der Bauer beigesteuert. Es war so knochenhart – ein paar mal hatte Marten sich die Fäuste dabei aufgerissen. Er hatte es nicht einmal gespürt, denn es war ja für seine Gretmarie.
Sie glaubt, in dem schummerigen Halbdunkel die Blutstropfen an dem rauchigen Rahmenholz leuchten zu sehen. In einer lauen Sommernacht hatten sie sich ohne viele Worte versprochen – zu Weihnachten sollte die Brautfeier sein.
Und dann hatte jemand die Welt verdreht, und meinte Herrgott spielen zu können. 1939 stand im Kalender. Der Augustmonat hatte gerade die Tür hinter sich zugemacht, da war Krieg im Land.
Marten hat ganz vorne – mit bei den ersten Soldaten – Polen zu sehen bekommen.
Mit der Hochzeitsfeier wollten die beiden warten, bis wieder Frieden im Land war. In ein paar Wochen – so hörten es die Menschen jeden Tag im Radio – würde es wieder bunte Blumen für sie regnen.
Die bunten Blumen kamen nicht an den Tag – und ein Jahr ging über das andere dahin. Ein Weihnachten ging über das andere dahin – dreimal ist Marten in den folgenden Jahren an Weihnachten zu Hause gewesen – für kurze Stunden in dem kleinen Haus am Siel – für ein paar Stunden Herzklopfen in den Armen seiner Gretmarie.
Heimaturlaub stand großspurig in seinem Marschbefehl. Dreimal hat Gretmarie für ein paar Stunden sein warmes Leben gespürt – dreimal danach gebangt, in Hoffnung zu sein.
Und dann kam da nichts mehr, als bloß ein Stück amtlichen Papiers – mit Reichsadler und Hakenkreuz über der schwungvollen Unterschrift – so wie es sich gehörte. Ein paar hohle Worte standen darüber – von denen sie nur eines begriff:

Vermisst!

Gretmarie hat ihren Marten vermisst – vermisst besonders an dem Morgen, als sie allein vor dem tiefen schwarzen Loch stand, und nur noch glimmerigen Rauch sah. Marten – ihre erste, ihre große Liebe. Acht Jahre wäre sie heute seine Frau – wenn da nicht irgendjemand hätte Gott spielen wollen.
Sie kann plötzlich nichts mehr sehen – weil das Wasser ihr in die Augen schießt – und zwei salzige Spuren auf ihre Wangen zeichnet.
Laut spricht sie ein Gebet – sie ist nicht wütend auf ihren Herrgott – sie erträgt ja alles – bloß das alles mit ihrem kleinen Verstand zu begreifen – das hat er sie noch nicht gelehrt.
In ihrer inwendigen Trauer hat sie nicht mitbekommen, dass die Tür sich geöffnet hat. Zwei Mannsbilder sind leise in die Kammer getreten – so, als wenn Engel durch den Himmel fliegen.
Eines von ihnen ist der greise, von der Last seiner Jahre gebeugte, Pastor Wübbenhorst – das andere ist Marten – ihr Marten. Auch gebeugt von der Last der Jahre – obwohl er doch noch keine dreißig ist. Gretmarie glaubt zu träumen – sie greift nach ihm – sie streichelt sein mageres Gesicht – und sie spürt, dass er lebt. Er lebt – es ist kein Traum, er lebt wahrhaftig.
Wie ein bildhaftiger Weihnachtsbaum stehen die beiden vor dem blanken Spiegel – jetzt kann sie doch noch sehen, wie schön sie als Braut aussieht. Das Strahlen und das Leuchten – das hat der alte Pastor Wübbenhorst dazugetan – er hat das Versprechen der beiden – von vor neun Jahren – in der kleinen Kammer in ein Sakrament gepackt – er hat Gretmarie und Marten auf der Stelle getraut. Das neue Leben – das in dieser heiligen Nacht in Gretes Leib zu leben begann – das betrachten die beiden heute noch als ihr Christkind.©ee

 

 

 

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