Weihnachten einmal anders …

 

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Weihnachten einmal anders …

 

Ohgottinee – was war bloß mit der Zeit los. Die vier dicken roten Kerzen am Adventskranz in der Diele waren schon seit drei Tagen heruntergebrannt.

Heute war Heiligabend, und der Weihnachtsbaum drömelte draußen vor der Terrassentür noch ohne schmückenden Behang vor sich hin.

Oma Betty sprang im Haus um sich herum, wie ein verschrecktes Känguru. Sie wußte gar nicht, was sie zuerst tun sollte, und wie sie das alles in die Stunden gepackt bekam, die noch bis zur Bescherung blieben.

Sie kam einfach nicht dazu, dem Weihnachtsbaum sein silbernes Festtagskleid anzuziehen.

Opa Tullum hatte in den letzten Tagen vor dem Fest noch soviel an den Hacken – von der Seite brauchte sie nicht mit Hilfe zu rechnen.

Der Vormittag war schon in der Zeit nach hinten gelaufen, und der Weihnachtsbaum stand noch immer, genauso grün wie am Morgen, vor der Terrassentür.

Gleich nach dem Mittagessen mußten sie sich auf den Weg machen – in die Residenz, nach Oldenburg. Dort warteten ein Teil ihrer Kinder und Enkelkinder auf eine schöne Bescherung.

Spätabends zog es sie, wie jedes Jahr an diesem Tag, unter das Dach der alten Kirche – Gemeinschaft im Glauben erleben, und ein stilles Zwiegespräch mit ihrem Herrgott halten war ihnen in dieser Nacht wichtig.

Und der Weihnachtsbaum stand zu Hause immer noch grün vor der Terassentür – auch noch an Weihnachtenmorgen.

Opa Tullum wieselte schon vor Tagesgrauen in seiner besten Anzughose barfuß durch das Haus – man hörte von ihm nur ein aufgeregtes: „Betty – wor sünd denn mien Drachselen ovblääven?“ Er mußte noch viel Wichtiges erledigen. Und das am ersten Weihnachtstag. Mannslüü – dachte Oma Betty ein bißchen angekratzt in sich hinein – um dann gleich sanft hinterherzudenken: He is doch de Beste.

Wenn ihr die Knie nur nich so fünsch wehtun würden. Schiet Rheumatismus, schimpfte sie leise vor sich hin.

Und der Weihnachtsbaum stand immer noch geduldig und nackend draußen vor der Terrassentür.

In ein paar Stunden würden auch die Enkelkinder aus der Nachbarschaft erwartungsvoll vor der Tür stehen, um bei Oma und Opa Geschenke unter dem Weihnachtsbaum zu finden.

Betty spürte ein ziepen und zappen in der Herzgegend – in den fast sechzig Jahren ihrer Ehe mit Tullum war ein Weihnachten ohne geschmückten Baum in der Stube noch nicht vorgekommen. Wie sollte das nur gehen.

Tja – und dann ging es. Als wenn eine unsichtbare Hand sie führte. Den Tannenbaum, mitsamt seinem Topf, von der Terrasse auf den Rasen davor rollen, und ihn einfach in der Mitte der kahlen Fläche hinzustellen, war das Werk von ein paar Minuten. Da stand er nun schmucklos, und schaute bedrüppelt in den Weihnachtstag. Aber nicht lange – Oma Betty hatte die Terassentür noch gar nicht hinter sich zugemacht, begann es nämlich heftig zu schneien. Plötzlich hatte der Tannenbaum ein wunderschönes weißes Kleid an. Oma Betty mußte sich reinweg in büschen verpusten, und sich das Bild begucken, als es auch schon an der Haustür klingelte. Die Enkel flogen förmlich ins Haus. Sie wollten auf den Weihnachtsbaum und die Geschenke los.

„Oma …… Ommaaaaaaaaa, wo ist denn der Weihnachtsbaum?“ Große Fragezeichen waren in den Kinderaugen zu sehen. Oma Betty schlug verzweifelt ihre Hände über dem Kopf zusammen – „ich hab doch vor dem Schlafengehen ganz vergessen, die Tür aufzuschließen. Das Christkind konnte nicht hereinkommen. Aber seht mal nach draussen – es hat den Weihnachtsbaum in den Garten gestellt, und ihn mit lauter weißen Schnee-sternchen geschmückt.“

In diesem Moment meinte sie selber, noch nie einen schöneren Weihnachts-baum gesehen zu haben.

„Und die Geschenke, Omaaaa ….?“ Große blinkernde Kulleraugen sahen suchend in die Runde.

Die Geschenke, die hatte der Weihnachtsmann einfach in ganz vielen Leinensäckchen draußen an die Wäscheleine gehängt.

© ee

Ewald Eden

Eine besondere Erinnerung an einen großen Ostfriesen –

an Rolf Trauernicht genannt Tullum

UND

seine ihm ebenbürtige Frau Betty …

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Getaggt mit ,

Ein Gedanke zu „Weihnachten einmal anders …

  1. nachtuul sagt:

    „Tullum“ war einer der großartigsten Menschen die mir in meinem Leben begegnet sind – das Postament auf dem er ruhte war das Vertrauen in seinen Schöpfer und die Hingabe zu seiner Betty …

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