Archiv für den Tag 3. Januar 2018

Ist Leben eines der schönsten …?

Ist Leben eines der schönsten …?

Stresemanngasse zwei

– drittes Hinterhaus

die vierte Treppe rechts
die Stiegen sind steil
und finster sieht’s aus

da wohnen die Hildebrechts

das Klo ist über den Hof
auf halber Etage
da drunter ist des Besitzers
geräumige Automobilgarage
fünf kleine Stuben nennen sie ihr Eigen
sechs Taler im Monat ist die Miete
sieben Kinder bilden den Orgelreigen

im Stillen flucht Vater schon mal
wenn er müd’ von der Arbeit
heimkommt wat Schiete
doch nie ohne Freude
er die Kinder anspricht
sie sind sein Blut
sie sind alle sein Licht

die Mutter – sie steht gebeugt an der Waschbütt
sie schrubbt und sie rubbelt
and’rer Leuts Sachen
für acht Mark
muß sie die ganze Woch’ schaffen

die Großen – sie helfen schon tatkräftig mit
nie hört man ein lautes
oder gar fröhliches Lachen
nie mal ein lustiges kreischen

weint eines der Kleinen mal über Gebühr
weil Zahn oder Bauchweh es zottelt
trommelt es zornig gleich an die Tür
der Alte von drunter
der schon lange vertrottelt

die Neunkopffamilie
muß sehr sich bescheiden
hat zehn Mark
für elf Tag’ zum Leben
da kann es dann höchst selten
mal leiden
ein Stück Fleisch an die Suppe zu geben

alle zwölf Tage geht’s ab in die Wanne
weil dann die Mutter hat waschfrei
mit dem heißen Wasser
der dreizehnten Kanne
kocht Mutter stets Magermilchgrießbrei
die Kinder sie schlecken die Finger sich wund
weil – in der vierzehnten Kelle

liegt ein Stück Zucker im Grund.

© ee

.

Getaggt mit

Glaube, Liebe, Hoffnung …

.

Glaube, Liebe, Hoffnung …

Nebel liegt wie Brei über allem,
Tröpfchen an Tröpfchen gewebt –
knorrige Bäume ins Nichts gefallen,
in endlicher Weite die Sagenwelt lebt.

Vom Turm auf der Klippe der Düne
die Glocke erklingt – unendlich weit –
zehn Männer da draußen tun Buße und Sühne,
machen sich und ihr Schiff zum Sterben bereit.

Sie hören die Glocke in tobender See,
sie lauschen mit schmerzenden Ohren –
das Ruder gedreht von Luv hin nach Lee,
drei Strich in Südwest liegt der rettende Hafen.

Noch sind sie nicht auf ewig verloren,
doch an Backbord da brechen die Wanten –
die Wellen zerschlagen den Mast,
der Kiel knirscht auf des Riffes Kanten.

Von Deck verschwindet die Last,
der Bug nicht zu sehen,
das Heck schwebt auf dem Wellenkamm,
für die Mannen unmöglich noch aufrecht zu stehen.

Hände und Füße sind eishart und klamm,
plötzlich erschüttert ein ächzen das Schiff –
es schüttelt sich und liegt dann ganz still,
das Wasser verzieht sich vom sandigen Kliff.

Neptun die Mannschaft doch noch nicht will,
er wartet und lauert auf neues Versuchen –
im wildest‘ Getöse kein Atemzug still.

Nie streckt er die Waffen – ist ständig bereit
da hilft nur leis’ beten – vermischt mit laut fluchen
und Hoffen, daß Gott jede Reise begleit’.

© ee

.

 

 

Getaggt mit ,