Mohrenköpfe, Negerküsse …

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Mohrenköpfe, Negerküsse …

Meine Erinnerung quält und mein Gewissen peinigt mich. Was soll ich nur machen? Wie viele Generationen meiner Nachkommen werden sich wegen meiner genüsslichen Verfehlungen in der Kinder- und Jugendzeit noch in Sack und Asche gewanden müssen? Alleine wenn ich an die Negerkussorgien denke, der wir uns an Hermann Preußens Schiebefenster seines der Schule gegenüber angesiedelten Kioskes hingaben.

Mein Freund Jonny, mit dem ich über die Jahre nicht nur eine Schulbank sondern auch die hingebungsvolle Leidenschaft für Mohrenköpfe teilte, ließ mich stets an dem Glück eines finanziell gut ausgestatten Zuhause teilhaben. An jedem Monatsanfang, immer wenn sein Vater die Taschengeldschatulle für die Söhne des Hauses geöffnet hatte, konnten wir nicht umhin uns am folgenden Tage nach Schulschluß dem Negerkussgenuß hinzugeben.

Für mich war es stets ein mehrfaches Geniessen. Zum einen hätte ich wegen der mageren finanziellen Ausstattung meines Zuhauses von solchen Schlemmereien bestenfalls träumen können, und zum anderen empfand ich es als Glücksfall einen wirklich guten Freund zum Freund zu haben.

Hätten wir damals schon doch bloß die geringste Ahnung davon gehabt, wie sehr verwerflich und politisch unkorrekt, ja rassistisch und menschenunwürdig unser Tun und Denken war – ich denke unsere mindeste Selbstbestrafung wäre tagewährendes öffentliches Selbstkasteien mittels einer siebenschwänzigen Katze gewesen.

Irgendwie bin ich heute aber ganz froh, davon damals noch nichts gewußt zu haben, denn was wären uns für Genüsse entgangen, und was würde mir jetzt an schönen Erinnerungen an meine Kinderzeit und an meinen Freund Jonny fehlen.

Das schwachsinnige herumprügeln so einiger aus dem Gleis gesprungener Migrationsexorzisten wegen angeblicher politischer Unkorrektheit in der Wortwahl bzw. im Sprachgebrauch beschränkt sich ja leider nicht nur auf Negerkuß und Mohrenkopf – „Zigeunerschnitzel“ oder etwa „Zigeunerbaron“ sind ja von den vorgenannten Jägern auch aufs Korn genommen worden. In den hinter mir liegenden Jahrzehnten habe ich lebensbedingt mit unzähligen Angehörigen und Sippen dieses oftmals noch fahrenden Volkes in den verschiedensten europäischen Ländern Kontakt gehabt. Nirgendwo und zu keiner Zeit habe ich Ablehnung oder gar Empörung seitens der damit gemeinten Menschen verspürt wenn das Wort Zigeuner fiel – sondern genau das Gegenteil, nämlich ein gewisser Stolz darauf Angehörige dieses Volkes zu sein, war immer wieder herauszuhören.

Ich habe von überallher die Erkenntnis mitgenommen, dass jeder Zigeuner sich als Teil eines stolzen Volkes fühlt.

Am treffendsten hat es vor Jahren einmal die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller gesagt:

„Ich bin mit dem Wort ‚Roma‘ nach Rumänien gefahren, habe es in den Gesprächen anfangs benutzt und bin damit überall auf Unverständnis gestoßen. ‚Das Wort ist scheinheilig‘, hat man mir gesagt, ‚wir sind Zigeuner, und das Wort ist gut, wenn man uns gut behandelt.'“

Vielleicht ist diese Aussage die einfachste Antwort auf eine sonst so komplexe Frage.©ee

ewaldeden2018-02-09

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6 Gedanken zu „Mohrenköpfe, Negerküsse …

  1. dieMondin sagt:

    Ich fühlte mich den Zigeunern immer verbunden. Warum, kann ich so genau gar nicht sagen. Sie hatten kein einfaches Leben, waren aber immer freundlich. Meine Beobachtung ist, so wie wir die Menschen behandeln so werden auch wir behandelt. Ist doch ganz klar!

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  2. mannedante sagt:

    Wir sind leider defizitär geprägt. Das beginnt in der Schule. Rechthaber waren immer die falschen Besserwisser!

    Gefällt 3 Personen

  3. Ein seeehr kluger Rumäne 👍❤

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  4. Danke – genau so isses: Scheinheiligkeit ist nicht der Garant für gutes Handeln!

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  5. Wunderbar, danke ….
    Segen, allen die ihn wollen ….
    M.M.

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