Eine ganz besondere Hochzeit …

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Eine ganz besondere Hochzeit …

 

1962 war schon ein besonderes Jahr. Nicht nur, daß dem lieben Gott mitten im Winter plötzlich in den Sinn kam, einen seiner schönsten Landstriche auf dem Planeten Erde gründlich zu schrubben – es muß wohl nötig gewesen sein – auch wenn er es damit ganz gewiß ein wenig übertrieb, und zuviel Wasser für die Putzerei mit an Land nahm. Er hat es aber ja anschließend alles wieder in die Nordsee zurück fließen lassen.

 

Es kann durchaus sein, daß er Klaus und Christa ein blitzsauberes Hamburg vorweisen wollte. Klaus wollte seine Christa nämlich in diesem Jahr heiraten. Es mußte partout in Hamburg sein – in seinem Ham-burg, im altehrwürdigen Michel. Schon verrückt, der Junge. He is a little crazy – schmunzelten die Kol-legen schon mal – neiiiin, nicht hinter vorgehaltener Hand – wenn er dabei war sagten sie es. Sie mochten ihn einfach, ihren Klaus.

Auch wenn er im fernen „Hämbörg“ wie sie es nannten „Hoxtsätt“ halten wollte – mit seiner Christa. Nur – Hamburg war weit in dieser Zeit. Ein Auto besaßen die beiden nicht – und zu Fuß? Zu Fuß von Darmstadt in die Hansestadt tippeln?

Er und seine Christa hätten auch das getan – wie gesagt: „A little crazy!“ Wenn da nicht Bully gewe-sen wäre. Bully – ein GI mit einer unbändigen Sehnsucht nach Norddeutschland – und mit einem Automobil. Bully war stolzer Besitzer eines deut-schen Autos. Das war unter den einfachen ameri-kanischen Soldaten in der Zeit auch keine Selbst-verständlichkeit. Bully war aber eben kein einfacher amerikanischer Soldat – er war eigentlich noch gar kein richtiger Amerikaner.

Obwohl „Uncle Sam“ ihm daheim, in Minnesota, eine seiner Uniformen verpasst hatte.

Die Wiege seiner „Grandma“ stand nämlich unter uralten Apfelbäumen in York – im alten Land, und sein „Grandpa“ war in einer schnuckeligen Mar-zipanbäckerei in Lübeck – im Schatten des Hols-tentores – auf die Welt gekommen.

Er konnte Klaus verstehen. Was lag da also näher, als aller Sehnsucht und Wünsche miteinander zu verbinden. Die drei gingen gemeinsam auf Hoch-zeitsreise, auf „Honeymoontrip“ – wie er sagte. Wenn Bully auch in seinem Innern noch zu drei-viertel ein norddeutscher Butscher war – in der dazu gehörenden Sprache trat er doch häufig in gewaltige Schlaglöcher. Die Zuhörer konnten dann echt seine Seelenfedern quietschen hören.

Was waren Christa und Klaus froh, daß es Bully und seinen Hörby gab! Brauchten sie doch durch diesen glücklichen Umstand ihr Gepäck nicht selber schlep-pen.

In den letzten Stunden bis zur Abfahrt stieg die Freude, und die Erwartung in himmelhohe Darm-städter Höhen – sie hatte sich schon, über die Mathildenhöhe hinaus, über die ganze Bergstrasse ausgebreitet.

Darum blühten dort in diesem Jahr auch sicher die Kirschbäume besonders prächtig. Es muß daran gelegen haben.

Sogar der alte Darmstädter Hochzeitsturm strahlte in der Sonne, als der Tag nahte. Er war auch nicht ein bisschen gnadderig darüber, daß Klaus unbedingt in Sankt Michael seiner Christa das Jawort geben wollte – waren er und der Hamburger Michel doch beinahe so etwas wie Kollegen. Wenn man es groß-zügig auslegte.

 

Der Tag war da. Christa konnte es schon gar nicht mehr erwarten – sie wäre am liebsten schon in aller Herrgottsfrühe in Bullys Auto geklautert, und losge-fahren – in das Auto, daß sie beide noch nicht ein-mal kannten.

Sie hatte Klaus schon ein paar Mal gefragt: „Was hat Bully denn für ein Auto?“ – natürlich ohne eine erschöpfende Antwort zu bekommen. Klaus war da nämlich etwas anders geartet– obwohl Bully und er schon eine geraume Weile unter den Dächern der-selben Kaserne ihre Tage zubrachten, trübte nicht das geringste Wissen über Bullys fahrbaren Unter-satz sein Weltbild. Klaus machte sich nämlich nicht die Bohne etwas aus diesen Vehikeln auf vier Rä-dern, wie er immer sagte.

Da spielte eine böse Erfahrung aus den Kriegstagen – über die er ungerne sprach – wohl eine gewichtige Rolle. Aber das ist eine andere Geschichte.

Und sowieso mußte ja erst der Dienst zu Ende sein.

Also um fünf Uhr – „clokk five“ – hatte Bully Klaus noch hinterhergerufen, als der im Hamburger See-mannspedd – seinem typischen Reeperbahngang war er auch in der hessischen Metropole treu geblieben – durch das Kasernentor Richtung seines und Christas Ankerplatz dampfte. Er steuerte zielstrebig den Ort der Sünde an.

„Ort der Sünde“ hatte doch tatsächlich erst kürzlich so ein fieser Korinthenkacker aus der Nachbarschaft gesagt.

„Wilde Ehe“ hatte er noch empört hintendran gehangen. Das waren die richtigen Moralhüter. Morgens um fünf stiefelten sie schon in die heilige Messe, um dem Pastor zu beichten, daß sie am Abend der Nachbarin die Karnickel klauen wollten. Wenn aber mal jemand der Fleischeslust frönte, ohne sich vorher ein Kreuz auf den Buckel zu binden – der wurde sofort lautstark der Unmoral bezichtigt. Na ja – der Herr vergibt alles. Oder fast alles. Er gestaltet den Weg zur Vergebung aber gewiß nicht immer ganz leicht. Das wurde Christa und Klaus ganz nahe gebracht, als sie – bepackt wie der Weihnachtsmann – auf den vereinbarten Treffpunkt zusteuerten.

 

Ein einziges Fahrzeug aus einer deutschen Autoschmiede stand zwischen den vielen chromblitzenden Karossen amerikanischer Herkunft, und zwar ein VW-Käfer – noch mit Brezelfenster im Heck ausgestattet.

Eine Pferdeblume unter blühenden Orchideen, so schoß es Klaus spontan durch den Kopf. Es war eine ziemlich selbstbewusste Pferdeblume, die da nicht nur auf ihren vier Rädern, sondern auch noch auf zwei Beinen stand. Bullys bestiefelte Soldatenfüße sahen die beiden nämlich beim näher kommen aus dem Fahrzeugboden ragen.

 

Der betagte Käfer litt offenbar unter Substanzverlust – ein Teil seines Bodenbleches war schon dem gefräßigen Rost zum Opfer gefallen. Bully meinte treuherzig, der Käfer wäre dadurch ein Cabriolet – nur eben andersherum. Im Sommer wäre das ganz praktisch – und die heimische Holzindustrie würde dadurch auch verdienen.

Die vorderen Sitze hatte er nämlich auf massive, leicht geteerte Gerüstbohlen montiert. Das ließ ohne Zweifel seine praktische deutsche Ader erkennen.

Der Käfer trug schon den Ansatz eines Krönchens auf seinem runden Dach, das jetzt durch das Gepäck der beiden Heiratswilligen zu einer Krone wurde.

Das Produkt deutscher Wertarbeit stöhnte nicht ein bißchen unter der neuerlichen Dachlast – es stellte nur ein wenig mehr die Räder nach aussen. Christa meinte in ihrer heiteren, burschikosen Art: „Jetzt sieht er aus wie ein Hamburger Butscher, der beim spielen an der Alster in die Hosen gepupst hat.“

Das altersschwache Herz des Wolfsburger Veteranen stotterte drei- viermal knüchelnd vor sich hin, als Bully ihm mit dem Gaspedal Leben einhauchte. Die Scheinwerfer in den Kotflügeln des Käfers schielten überrascht um die Ecke, als Bully statt Kurs auf das Darmstädter Schloß zu nehmen – in dessen Nähe seine Freundin wohnte – seinen Bug nach Norden richtete. Der Käfer war deswegen aber nicht im Mindesten grantig, kam er doch auf diese Weise noch einmal in die Nähe seines Geburtsortes Fallingbostel. Er war nämlich noch zu einer Zeit zusammengeschustert worden, als Wolfsburg noch gar nicht Wolfsburg war. Als Stadt zumindest.

In gemütlichem Tempo – Christa nuschelte was von Zockeltrab in ihren Ausschnitt – nahm „Hörbi“ – auf diesen Namen hatte Bully seinen Käfer getauft – den Autobahnbeton unter die Räder.

Die Taufe war übrigens nach Mittlererwestenritus mit Brandy erfolgt, wodurch sich Hörby auch als halber Amerikaner fühlte – sofern ein Auto fühlen konnte.

„Dunkel war’s, der Mond schien helle – als ein Auto blitzeschnelle langsam um die Ecke bog …“ sang Klaus aus voller Kehle, als sie gegen Mitternacht in Hamburg über die Krone des Elbdeiches knatterten.

Knatterten – richtig. Auf Christas zögernde Frage, was das knattern zu bedeuten hätte, meinte Bully auf seine unbekümmerte Art: Das sind die Getriebeteile, die durch den Auspuff rattern. Ihr müsst euch jetzt nur gut festhalten, war alles, was er noch sagen konnte – und schon ging es im Höllentempo deichabwärts auf die Elbe zu.

 

„Dein Hörby hat es aber verdammt eilig, die Elbe zu begrüßen“ – soviel bekam Christa noch heraus, bevor der Käfer auf zwei Rädern, drei Meter vor dem nassen Elbwasser, den Dreh nach links auf den Uferweg nahm – und nach fünfzig Schritten in einem Heuhaufen, der sich ihm geistesgegenwärtig in den Weg stellte, sein letztes knattern von sich gab. Bully konnte ihn nämlich nicht mehr bremsen, weil irgendwelche wichtigen Teile Hörbys jetzt den Elbdeich verzierten.

 

Von der nächtlichen Zeltaufbauaktion – die noch dazu in völliger Dunkelheit vonstatten ging – ist nichts Druckfähiges überliefert worden. Nur soviel – der Wortinhalt aller amerikanischen und deutschen Fluchwörterbücher reichte nicht aus, um mit einmaligem absingen der Texte die beiden Mannsleut zufrieden zu stellen. Nach einer ziemlich gefühlstoten Restnacht wurde das Trio, mit den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne, von einer Herde erstaunt dreinblickender Rinder begrüßt. War Klaus sein wunderschöner Erinnerungszeltplatz lange vergangener Jugendtage doch wahrhaftig zu einer Kuhweide umfunktioniert worden. Rings um die beiden Zelte herum dufteten und glänzten in der Morgensonne die herrlichsten grünen Kuhfladen – und sie waren in der Dunkelheit nicht in einen einzigen reingetreten.

„Der liebe Gott wollte ganz bestimmt in Sankt Michael keinen Kuhschietgeruch haben“ – so lautete Christas Vermutung.

 

Zuerst mußten sie aber ganz schnell den Elbuferkuhweidenzeltplatz räumen. Nachdem sie sich mit reichlich morgenkühlem Elbwasser die Schläfrigkeit der Nacht aus den müden Gesichtern gespült hatten, machten sie sich ans Werk.

Die Zelte wurden wieder abgebaut. Ihre Habseligkeiten, die sie in der Nacht schon in den Zelten verstaut hatten, wurden eingepackt – und Hörby bekam wieder seine Krone auf das buckelige Wagendach gesetzt.

Es war seinem Blechkleid förmlich anzusehen, wie er sich darüber freute, trotz seiner technischen Behinderung erneut gekrönt zu werden.

Im Schrittempo humpelte der kleine Wolfsburger, mit seinen drei Besatzungsmitgliedern an Bord, über den Elbdeich. Zurück in die Hamburger Innenstadt. Man gut, daß die Stadt an den drei Flüssen eine Großstadt war, in der irgendwer auch am Sonntag dem Käferinvaliden wieder in die Hufe helfen konnte. Diesen Jemand wusste Klaus irgendwo in Sankt Pauli zuhause. Auf einem großen Schrottplatz in der Nähe der Reeperbahn. Neee nee – kein Schrottplatz für abgetakelte Bordsteinschwalben. Wer denkt denn an so was.

Richtig Blech und ausgemusterte Benzinkutschen stapelten sich da haufenweise. Und es fand sich für Bullys Hörby ein neues Herz, aus einem alten Käfer, das dann auch noch passte. Im Überschwang der Gefühle hupte Hörby plötzlich ganz grässlich laut. Bully mußte ihm mit einer Blechschere den Draht abkneifen, er hörte nämlich gar nicht wieder auf zu krakeelen.

Hörby konnte wieder laufen. Bully hatte es mit ihm ausprobiert – vor und zurück, im Kreis und quer. Aber immer nur bis zum großen Schrottplatztor.

Kein Raddreh weiter.

Der Schrottmäckes hatte nämlich gemeint, erst müssten die Taler bei ihm auffe Back liegen, bevor die Welt ihnen wieder offenstand.

Bully hatte aber kein Money in seinen Taschen, das er auf die Back legen konnte – und so blieben Klaus seine teuren Leicas, sein Berufswerkzeug, als Pfand beim Autoschuster. Sie blieben im Tresor eingeschlossen, bis Bully mit ausreichend Pinunsen vom Generalkonsulat wieder zurück war. Klaus hat während der Zeit ganz schön um seine Lieblinge gebibbert. Nach seiner Christa waren es für ihn die wichtigsten Dinge auf der Welt.

Bully kam wieder – in seiner Tasche steckten zwar keine Taler, und auch keine Märker, sondern harte, grüne Dollars – aber was machte das schon, und dem Schrottmäckes gefielen sie sogar noch besser, als irgend ein anderes Geld.

Nun endlich konnten die „drei Musketiere“ – wie Christa erleichtert sagte – weiterreiten. Einem neuen Ankerplatz entgegen. Es wurde aber auch hohe Zeit. In Sankt Michael schlug der Küster nämlich in wenigen Minuten für den Pastor das Hochzeitsbrevier auf.

Und zu seiner eigenen Trauung zu spät zukommen – neee, daß konnte Klaus sich nun überhaupt nicht vorstellen.

Es wurde kurzerhand die Reihenfolge geändert – die Ankerplatzsuche wurde auf später verschoben.

Bullys Hörby kam dadurch zu völlig neuen Ehren. Auf einem Parkplatz hinter dem Michel war er plötzlich Garderobe und Umkleidekabine in einem. Als Christa ihre Kleider wechselte, hätte er ja am liebsten so’n büschen mit einem Auge gelinst – das ging aber nicht – Klaus hatte ihm die Lichter mit seiner Unterwäsche zugehangen. Na ja – alles konnte man eben auch als Käfer nicht haben.

 

Als die beiden sich denn vor ihm aufbauten, damit Bully ein Photo von ihnen machen konnte – „das letzte Photo in der Freiheit“ konnte Christa sich nicht verkneifen zu sagen – mußte er einfach vor seliger Begeisterung mit den Federn qietschen. Christa schaute ihren Klaus ganz vorwurfsvoll an: „Das Dir das nicht gleich in der Kirche passiert“ sagte ihr Blick. Ach ja – ein letztes Missverständnis in der Freiheit – es war aber auch zu schön, als daß Klaus es korrigieren mochte.

Sein schwarzer Anzug hatte unterwegs auf dem Dach zwar ein wenig gelitten – aber neben Christas strahlender Schönheit in ihrem wunderschönen Rosenkleid machte das gar nichts aus.

 

Nun aber los, sonst würde der Pastor die Trauung noch ohne sie vornehmen – und das würde doch richtig ein bißchen blöd aussehen.

„Oh Gott – Klaus …… !!!“ – Klaus zuckte gewaltig zusammen, als Christa das rief – „meine Strümpfe … meine Strümpfe hängen noch an der Kuhweide am Zaun …. zum trocknen.“

Wat nu ……?

Die Kuhweide war zu weit weg – und die Trauung zu dicht bei ….

„Och – laß doch die Strümpfe ….“ weiter kam Klaus nicht.

„Ohne Strümpfe geh ich nich inne Kirche. Ich kann doch nicht halbnackich …!“ So wie Christa das sagte – das duldete keinen Widerspruch. Klaus sah ihre Trauung schon die Elbe abwärts schwimmen.

„Heee … guckt mal hier…. what i have“ – Bully erwies sich als der rettende Engel. Als einziges „Ersatzteil“ für seinen „Hörby“ hatte er immer ein paar Nylons im Handschuhfach liegen, weil bei seinem Käfer der Keilriemen schon mal des Öfteren schlapp machte. Mehr verstand er von Autos aber auch nicht. Christa reichte es völlig. Sie rein in den nächsten Hauseingang, und die Strümpfe angezogen. Noch einen kritischen Blick auf die Nähte – dann endlich stand dem Sprung in die Ehe nichts mehr im Wege.

Dachten sie, denn als der Pastor nach den Trauzeugen fragte, mußte Bully aussen vor bleiben.

Die fehlende deutsche Staatsangehörigkeit war das Hindernis. Seine „Apfelbaumgrandma“ aus York, und sein „Marzipangrandpa“ aus Lübeck halfen ihm in dem Moment auch nicht weiter.

Aber was ‚so’n ächten Hamburger Kiezpastor’ is – der weiß auch da Rat. Er selber, und sein Kirchendiener, machten kurzerhand die Trauzeugen. Das hatte es in Hamburg auch noch nicht gegeben. Auf diese Weise kriegte der Pastor denn den ersten Kuß von der Braut nach dem Jawort – und auch das war noch nicht da gewesen in Hamburg.

 

©ee

 

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3 Gedanken zu „Eine ganz besondere Hochzeit …

  1. kowkla123 sagt:

    dann hoffe ich, sie mögen immer noch glücklich sein, ich wünsche uns nun doch endlich den Frühling, Klaus

    Gefällt 1 Person

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