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Ein Zittern…

 

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Ein Zittern…

Ein Zittern, es türmet die Wellen auf,
zu riesigen Bergen mit schäumender Kron‘ –
aus den Tiefen des Wassers ertönet Geschnauf,
wird zu bitterer Klage von des Weltschöpfers Sohn.

Es stürmet die Lande, die Elbe flußan
läßt der Menschen Gebilde in den Fluten versinken –
auf wenigen Hügeln so dann und wann,
retten sich Wesen vor dem Ertrinken.

Wenn sich die Allmacht verzogen hat,
besänftigt durch ungezählt‘ tot‘ Kreatur –
beginnt Rest der Menschheit mit neuer Tat
und macht sich erneut zum Feind der Natur.

©ee

E.E. 2016-06-15

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Der Mensch.

Der Mensch – gedacht als Hüter der Erde.
Wie hat er seinen Ruf verfehlt!
Einst sprach Gott ihm sein großes ‘Werde’,
doch nie wusst’ Adam, was nun zählt.

Er hat’s verbaselt, hat’s verloren,
was man ihm einst hat anvertraut.
Zum Hass, zum Neid, zum Krieg geboren,
zerstört er, was er selbst gebaut.

Wen wundert’s, dass kein Fried’ von Dauer,
kein gutes Wort im Herzen bleibt.
Baut um das Herz doch eine Mauer
von Liebe und von Freundlichkeit!

Schau nur – das Mädchen dort am Stege –
wie blickt es auf der Wellen Spiel,
die gläsern kühl benetzen schmale Wege,
wo ist der Ursprung – wo das Ziel?

GE2016-06-15

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Ach, Mutter … davon verstehst du nichts

 

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Ach, Mutter … davon verstehst du nichts..

Der kleine Junge lag seit Stunden schon in seinem Bett. In der kleinen Kammer, die er sich mit seiner Mutter im Obergeschoß des alten Fachwerkhauses teilte. Er lauschte dem rascheln der Mäuse in den Lehmwänden und dem fiepen der hungrigen Eulenküken über ihm im Dachgebälk. Der Schlaf hatte bereits ein paar Mal zu ihm hereingeschaut, aber er wußte wohl, daß der Kleine sich noch nicht in seinen schützenden Armen verkriechen konnte. Erst wenn das vertraute knarren der dritten und siebten Treppenstufe unter den Füßen seiner Mutter leise durch die Wand zitterte und anschließend fast unhörbar die Tür zu ihrer Kammer geöffnet wurde, rutschte er aus der Wachsamkeit in den Schlummer. Es war jeden Abend das gleiche Spiel. Solange er die Mutter in den unteren Räumen hantieren hörte wußte er, daß zumindest einer seiner Brüder von irgendwelchen Unternehmungen, von denen sie zumindest in seiner Gegenwart nichts berichteten, noch nicht zurückgekehrt war. Erst wenn dem vertrauten Klopfen an den Fensterläden und dem Knarren des großen Tores im Erdgeschoß, durch die Fugen und Ritzen des Gemäuers ziehender Duft von auf Speck gebratenen Eiern und siedenden Pferdewürstchen folgte, dann waren alle im Hause.
So war es auch an diesem späten Abend, wie so häufig in der Vergangenheit.

Zusammen mit den Essensdüften drang von unten herauf mal helles, mal dunkles Stimmengemurmel durch die hölzerne Decke zu ihm in den kleinen niedrigen Raum. Wenn im Einzelnen auch nicht sehr viel zu verstehen war, wusste er doch meist, um was es sich in den Gesprächen, da unter ihm in der weiträumigen verräucherten Küche, drehte. Und jedesmal wenn der Satz: „Ach, Mutter – davon verstehst Du doch nichts!“ aus dem Munde des Älteren seiner Brüder wegen der erhobenen Stimme hell zu ihm herauf in die Dunkelheit seiner Ängste drang, wußte er, gleich ist das Reden da unten zu Ende. Die Mutter hatte sich wieder einmal dem Diktat des vermeintlich Stärkeren gefügt – so wie es in der Familie immer geschah, wenn man ihr weismachen wollte, sie würde etwas nicht verstehen. Und jedesmal wußte er, wenn die Mutter – besorgt darum ihn nicht zu wecken – sich geräuschlos und in völligem Dunkel für die Nacht zurechtgemacht und sich neben ihn in ihr Bett gelegt hatte, würde er ihr leises Weinen hören. Ihr leises Weinen aus Verzweiflung über ihre Unterwürfigkeit – und darüber, das sie tatsächlich nicht verstand, warum ihre Söhne so handelten wie sie handelten – obwohl sie als Mutter ihnen doch etwas völlig anderes vorgelebt zu haben glaubte.
Als ehrlicher, gottesfürchtiger Mensch hatte sie von Kindesbeinen an versucht ihr Leben zu meistern. Kein Hungernder der an ihre Tür klopfte, blieb hungrig – keinen Dürstenden der ihr begegnete, ließ sie dürstend seines Weges ziehen – keinem Obdachlosen versagte sie den Schutz unter ihrem Dach. Darin ruhte ihr seelischer Reichtum, aber darin wurzelte auch ihre Schlichtheit an materiellem Besitz.
In den entscheidenden Momenten unterwarf sie sich immer den Menschen, die zu ihrem eigenen Vorteil zuzugreifen verstanden.
Sie war sonst dem Schicksal gegenüber sehr stark – nur da war sie schwach. Diese Schwäche jedoch zu ertragen, das war wahrscheinlich ihre größte Stärke. Das wurde dem kleinen Jungen, der oft des Nachts ihr leises Weinen hörte, aber erst sehr viel später bewußt.

Jetzt sah er nur das schräge Tun seiner Brüder und spürte das erfolglose Mühen der Mutter eine Antwort auf die Frage zu finden:

Was habe ich nur falsch gemacht? ©ee

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Horch mal …

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Horch mal …

Hörst du den Nachtwind leise grüßen –
fühlst du, wie das Meer dich lockt?
Der Sand flieht unter deinen Füßen –
während Neptun auf den Wellen hockt.

Das Mondlicht tanzt auf den Kämmen der Wogen,
das Wasser spielt am Dünenrand.
Es scheint, das Leben hat mich betrogen,
ums Glück, das ich hier auf der Insel einst fand.

Ich suche jetzt die vergangenen Jahre,
vermisse die Wärme – entbehre das Glück.
Das Schicksal gibt mir am Ende das Wahre –
gibt mir die einzige Liebe zurück.

Ich lausche auf der Sterne Sagen,
der Himmel flüstert es mir zu.
Die Wolken meine Sehnsucht tragen –
denn wo sie sind, da bist auch du.

Ich spüre deiner Seele Fühlen –
bist du auch weit, weit von mir weg,
ich muß mein dich begehren kühlen,
sonst sterbe ich an diesem Fleck.

Hörst du den Nachtwind leise grüßen –
fühlst du, wie das Meer dich lockt?
Der Sand flieht unter deinen Füßen –
während Neptun auf den Wellen hockt.

Das Mondlicht tanzt auf den Kämmen der Wogen,
das Wasser spielt am Dünenrand.
Es scheint, das Leben hat mich betrogen,
ums Glück, das ich hier auf der Insel einst fand.

Ich suche jetzt die vergangenen Jahre,
vermisse die Wärme – entbehre das Glück.
Das Schicksal gibt mir am Ende das Wahre –
gibt mir die einzige Liebe zurück.

Ich lausche auf der Sterne Sagen,
der Himmel flüstert es mir zu.
Die Wolken meine Sehnsucht tragen –
denn wo sie sind, da bist auch du.

Ich spüre deiner Seele Fühlen –
bist du auch weit, weit von mir weg,
ich muß mein dich begehren kühlen,
sonst sterbe ich an diesem Fleck.

© ee

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Abend . . .

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Abend . . .

Der Tag still in den Abend taucht
ein Bild von großem Frieden
der Himmel ist rot angehaucht
wie Glück das uns beschieden

Über der Brandung leichtes Kräuseln
die Möve streicht im stillen Flug
vom Dünenhang ein leichtes Säuseln
der Wind über die Watten trug

Leichtgeschürzt – auf bloßen Füßen
ein Wand’rerspaar im Abendhauch
in vollen Zügen still genießen
so macht es wohl der Alte auch

Er sitzt auf seiner Bank am Deiche
sein Blick geht sehnsuchtsvoll auf ’s Meer
der Welten Wasser war’n seine Reiche
die Seefahrt – ja, die fehlt ihm sehr

So sitzt er hier an allen Tagen
die Gott ihm noch gelassen hat
er antwortet auf viele Fragen
er gibt so Manchem guten Rat

Er ist schon nicht mehr wegzudenken
von seinem Platz – da auf dem Deich
sein Hiersein ist ein ständig’ Schenken
aus seinem Lebensschatz, so reich

Doch eines Morgens – weite Leere
als hat die Welt ein großes Loch
der Alte sitzt auf Gottes Fähre
auf „Großer Reise“ – also doch.

©ee

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Der Regensburger Ludwig …

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Der Regensburger Ludwig …

So schmutziggrau wie die zerstörte Umgebung rings um den erbärmlichen Unterstand in dem Ruinenfeld von Stalingrad ist auch der russische Himmel an diesem Morgen des 29sten Januar 43.
Die Stalinorgeln des Gegners sind vor wenigen Minuten verstummt. Von Anbruch der Dunkelheit bis zum Grauen des neuen Tages spielen sie seit Tagen – oder sind es schon Wochen – Nacht für Nacht die gleiche Melodie. Kaum hat das Pfeifen mit dem kurz darauf folgenden Krachen der Einschläge von Osten her aufgehört, setzt es aufs Neue von Süden her ein, um dann nach Westen und Norden weiterzuwandern. Die rote Artillerie zeichnet so Nacht für Nacht ein schauriges Bild der Windrose in die Köpfe der wenigen die übrig geblieben sind von den Vielen die ausgeschickt wurden, um Raum für das eigene Volk zu erobern. Die kümmerlichen Reste einer einst stattlichen Armee – ausharrend im Kessel und bangend was da kommt. Für sie gibt es kein Vorwärts mehr – und schon gar kein zurück. Es gibt nur noch warten auf die Besiegelung der Niederlage und bangen, was dann kommt. Die Prediger des Endsieges haben sich rechtzeitig abgesetzt, oder sie sind in der klirrenden Kälte und angesichts der gefallenen Kameraden verstummt.
Jede der graugesichtigen Gestalten in den vor Dreck starrenden Uniformen sehnt jede Nacht diesen Moment herbei, wenn der Gefechtslärm um sie her von einer Minute auf die andere abbricht. Dann können sie für ein paar Augenblicke versuchen, der Kälte zu trotzen die ihre Glieder immer länger gefangen hält. Wie lange hat sie schon kein Nachschub mehr erreicht? Zwei Wochen? Drei Wochen? Die Zeit verschwimmt in der Erinnerung zu einem trüben Brei mit steinharten eisigen Brocken, wenn ihre ‚eiserne Ration’ in immer kleinere Portionen zerfällt. Die Zeit gefriert zu einem blutigen Klotz, wenn irgendwo ein kleines Fünkchen Freude aufblitzt über herrenlos gewordene Nahrungsreste gefallener Kameraden.
Einzig der ‚Leutnant’ mit seinen über Nacht ergrauten Haaren – alle Kameraden nannten den stillen Ludwig mit der Hornbrille aus den Regensburger Auen nur ‚Herr Leutnant’ – ließ nie auch nur ein Wort der Kritik hören wenn mal wieder einem von seinen Leuten die ‚Zivilisation’ abhanden gekommen war.
Obwohl auf seiner Uniform schon lange keine Rangabzeichen mehr auszumachen waren, hatte er nicht den Respekt und die Achtung der ihm Anvertrauten verloren.
Als einer der ältesten Kameraden in dem zusammengewür-felten Haufen nahm er an diesem Morgen seine an einer Seite leicht lädierte Brille ab, bevor er den beiden Jüngsten unter ihnen, die in ihrer schäbigen Sommeruniform vor Kälte – oder war es aus Angst vor den kommenden Ereignissen – vor sich hinzitterten, seine Arme um die Schultern legte.
Wie ein Vater der seine Söhne beschützen will, schießt es Josef, dem altgedienten Feldwebel aus dem hannoverschen Göttingen durch den Kopf. Und bevor der Josef den Gedanken in seinem halberfrorenen Hirn wieder ausgelöscht hat, tönt in die Friedhofsstille über dem rauchenden Schlachtfeld mit den unzähligen Granattrichtern und den zahllosen zerstörten Häusern die etwas kratzige, aber trotzdem wie das Gesumme friedlicher Hummeln klingende Stimme des Leutnants. Der Ludwig berichtet von lauen Frühlingstagen an den Ufern der bayrischen Flüsse und Seen, von duftendem Ginster und blühendem wilden Mohn. Eine Strophe des Liedes vom Burschen der sein Liebstes vermisst singt er sogar.
Man kann den Gesichtern der lauschenden Kameraden ansehen, daß ihre Herzen ganz weit weg in der Heimat weilen.
Für eine kurze Zeit haben sie das grausige Schlachtfeld und den unweigerlich drohenden Untergang vergessen.
Für eine kurze Weile haben sie die klirrende Kälte und den nagenden Hunger aus ihrem Fühlen verbannt.
Für ein paar Traumminuten lang haben sie das Gelände um sich herum aus den Ohren verloren.
Diese Minutenumläufe des Sekundenzeigers auf der tickenden Uhr des Schicksals haben den vorrückenden Rotarmisten genügt. Als das erbarmungswürdige Häuflein da unten im Keller von der Stippvisite in der Heimat zurückgekehrt ist, schauen sie ringsum in die drohenden Mündungslöcher mattschwarzer russischer Gewehrläufe.
Obwohl die ausdruckslosen Gesichter der Rotarmisten über den Gewehren regungslos zu ihnen hinabstarren, fällt kein einziger Schuß. Die Kameraden mit dem roten Stern am Stahlhelm helfen ihnen sogar fast freundschaftlich dabei aus dem Graben zu klettern.
Oben angekommen können sie ihnen doch wohl nicht ersparen mit erhobenen Händen vor den schussbereiten Gewehren herzumarschieren.
Als der Tag die Spitze seiner um diese Jahreszeit spärlichen Helle erreicht hat, befinden sie sich seit knapp einer Stunde auf einem ziemlich ebenen Feld am Rande eines Wäldchen in der Nähe einer trostlosen, scheinbar menschenleeren Siedlung, auf der sie die folgende und die darauf folgende Nacht unter freiem Himmel auf der blanken Erde zubringen. Dadurch dass man ihnen alles – auch die persönlichen Gegenstände – weggenommen hat, haben sie auch keine Uhr mehr in ihrem Besitz, um wenigstens die Zeit verfolgen zu können.
‚Scheiß auf die Uhren’ sagt der Göttinger Josef schon fast fröhlich. ‚Hätten wir die etwa essen können?’ vollendet er seine ‚Ansprache an mein Volk’, wie er sagt, bevor er gierig in das in der kalten Kohlsuppe eingeweichte russische Steinbrot beißt. Am dritten Tag ist die Lagerherrlichkeit vorbei. Eine endlos scheinende Schlange Feldgrau windet sich über den schmutzigen Schnee und durch tiefe Panzerfurchen in südöstliche Richtung. Das es nach Südosten geht wissen sie vom Leutnant. Der scheint irgendwie einen Draht zum Himmel zu haben. Obwohl keiner der Gefangenen seinen Platz in der Kolonne verlassen darf, und obwohl er von den Essensrationen der letzten Tage nicht einmal die Hälfte für sich behielt, sondern sie an die Kameraden verteilte, die vor Entkräftung bald nicht mehr auf den Beinen stehen konnten, taucht er immer wieder mal hier und mal dort in der Kolonne auf, um dem einen oder anderen Mut zu machen. Niemand von den sie begleitenden Rotarmisten bemerkt es – als wenn der Regensburger Ludwig unsichtbar ist.
Nach einem endlos langen Marsch erreichte der Gefangenentross das Sammellager Beketowka. Irgendeiner der ein wenig russisch konnte, hatte den Namen des Lagers als Latrinenparole in Umlauf gebracht.
In Beketowka verlief alles ungeordnet. Die rote Generalität war auf so viele Plennys in diesem Abschnitt nicht vorbereitet gewesen.
Es mangelte an allem, nur an einem nicht – an Krankheiten und Seuchen die sich, bei Menschen die unter solch katastrophalen Umständen leben müssen, rasend schnell breit machen.
Jeder versuchte so schnell wie möglich dieser Hölle von menschlichen Wracks zwischen flüssigen Exkrementen und Erbrochenem zu entfliehen.
Der Ludwig und der Göttinger Josef hatten das Glück.
Sie ergatterten für den Mittag des 13. März einen Platz innerhalb eines Transports nach Wolsk.
300 Kilometer Bahnfahrt bei 40 Minusgraden im offenen Güterwagen. Für die meisten war es eine Reise in den Tod, der viele schon während der 7 Tage dauernden Fahrt dahinraffte. Dem Leutnant Ludwig sollte nach dem Willen des Herrn wohl ein würdigerer Abschied von dieser Erde beschieden sein, als der als Toter aus dem fahrenden Zug hinausgeworfen zu werden. Am 20. März in Wolsk angekommen ließ ihn der Herr noch mit Hilfe seines Kameraden sein ‚Golgatha’ besteigen, um ihn von der Höhe des Lagerhügels friedlich zu sich zu holen.
Gott war seiner Seele gnädig.© ee
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Das Paradies.

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Das Paradies

wie soll man es benennen,
wenn man Schweinebrück nicht kennt –
man kann durch alle Duden rennen,
den wahren Namen man verpennt.

Wenn man nicht weiß
dass Schullandheim,
dass Fuhrenkamp und Schweinebrück
verschmolzen sind

zu einem Stück.

Wenn man nicht weiß,
dass dort am Rande
des Wildschweinwaldes
steht ein Haus,

in dem so manche Rasselbande,
fern von der Eltern Leberlaus,
in armer Zeiten schwerer Stunden
ein bißchen

Lebensglück gefunden.

©ee

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Weißt du noch . . . ???

Weißt du noch . . . ???

 

 

 

 

Sophie hatte bis zum Auftauchen der Fahnderbrigade in unserem Zuhause alle Spuren ihrer ungesetzlichen Tätigkeit beseitigt. Riechen, so wie in anderen Brennereien, konnte man bei uns wegen der ausgewählten Rohstoffe eh nichts – weder während des Betriebes der Apparate noch jetzt, wo alle Gerätschaften bombensicher im Urgrund verstaut waren. Bei uns zu Hause wurden die Zöllner auf jeden Fall nicht fündig, aber dafür fanden sie bei Frau Burmester umso mehr an Informationen. Alles was die Gute wusste, das offenbarte sie den Staatsbütteln in Grün. Von den Internas wusste sie zum Glück nur die Notizen vom Rande. Die aktuellen Kundenadressen reichten aber schon, um einen respektablen Schaden anzurichten. Es waren nämlich nicht nur die der Abnehmer der letzten Tour – nein, die Empfänger der früheren Lieferungen gab sie auch bereitwillig preis, soweit sie ihr bekannt waren.

Einige Zöllner hat es gefreut, die Menschen auf der anderen Seite weniger. Es wurde untersucht, es wurde nachgeforscht, die Ermittlungen liefen hin und her – aus der Notzeiten-Schwarzbrennerei Eden & Co. war nun ein Fall geworden, sozusagen ein Fall von „Staatsbeschiß – ein Aktenvorgang.

Aus unerfindlichen Gründen beschränkte sich das Prozedere aber insgesamt nur auf die Vorgänge um die Letztlieferung.

Ich vermute, die Ermittlungen wurden damals von den zuständigen Personen bewusst so kleingehalten geführt, denn die Äußerung eines Zöllners gegen-über meiner Mutter, hätten wir am Bus auch nur geahnt, dass der Genever von ihnen ist – es wäre ja gar nichts weiter passiert, ließ auch einfach keinen anderen Schluß zu. Besagter Zöllner hatte sich nämlich ein paar Tage zuvor, mit meinem Vater zusammen, die köstlichen Tropfen in unserem Wohnzimmer noch ausgiebig schmecken lassen. Die beiden Mannsleut hatten sich das verführerische Nass so sehr schmecken lassen, dass mein ältester Bruder den Freund Grünrock nach Anbruch der Dunkelheit in der Messelkarre als Decksladung nach Hause transportieren musste.

Auch Zöllner sind bloß Menschen. Na ja – hin und her – Ermittlung – Anklage, Gerichtstermin, Ver-urteilung wegen Verstoßes gegen das Staatsmonopol Spritherstellung, Steuerhinterziehung, unerlaubten Handel treiben, und, und, und …

Schicksalhaft oder verschärfend an der ganzen Misere war nur der Zeitpunkt des entdeckt werden – die Tatausführung zu Billiggeldzeiten – der Urteilsspruch zur neuen D-Markzeit. Dreihundert Reichs-Mark Geldstrafe vor der Währungsreform wären gar nicht erwähnenswert gewesen – ein Fliegenschiss auf einem Fußballfeld sozusagen.

Dreihundert D-Mark nach der Währungsreform, die waren schon ein Knaller. Einige Wochen zuvor hatte jeder Deutsche Staatsbürger ja seine 40 DM Kopfgeld erhalten. Weit springen konnten die Menschen damit wahrlich nicht. Den beiden verurteilten Frauen wurde aber großzügigerweise Ratenzahlung eingeräumt: 5,- DM betrug der monatliche Abtrag an die Staatskasse.

Ein paar Tage nach Zustellung des Strafbefehls wurde meine Mutter ins Zollhaus, in die uns nächste Zolldienststelle, nach Rüstersiel einbestellt. Wir Kinder waren voller Angst, dass unsere Mutter nun eingesperrt werden würde. Bevor sie zum Amt ging kam ihr Versprechen, mit dem sie uns unsere Angst nahm. Es hat die Zeit überdauert. „Wenn man mich einsperrt, dann nehme ich euch alle mit. Dann müssen die da auch für euch alle sorgen.“ Danach ging sie zum Amt – und nahm uns alle mit. Im Gänsemarsch zogen wir die mit Klinkern gepflasterte Strasse von Voslapp nach Rüstersiel. Im Zollamt durften wir zwar nicht mit ihr zusammen in das „Allerheiligste“ vordringen, mit uns beschäftigte sich währenddessen ein älterer Zollsekretär in der Wachstube – aber wir waren der Mutter nahe. Als sie das Büro des Leiters verließ, da schwebte sie förmlich über den geölten Steinholzfußboden der Zollrevierwache nur so dahin. Der Amtsvorsteher hatte die Akte meiner Mutter vor ihren Augen zerrissen und die Fetzen mit einem Lächeln ins Nirwana geschickt. Da irren sie jetzt, nach so vielen Jahrzehnten, wahrscheinlich immer noch umher. Ihrer Verpflichtung, 300,- D-Mark als „Bußgeld“in die Staatskasse einzuzahlen, war sie damit entledigt worden.

Frau Burmester hat von diesem „Schuldenerlaß auf dem kleinen Dienstwege“ natürlich erst erfahren, nachdem sie treu und brav 60 Monate lang 5 Mark gezahlt hatte. Das war meine Mutter sich selber schuldig, als kleine späte Genugtuung sozusagen.

Ja ja, die Frau Burmester … von ihr gäbe es so manche Begebenheit zu erzählen. Hier ist schon mal eine davon.

Edens hatten immer Haus- und Nutztiere. In Notzeiten ist es eine sichere Gewähr gegen den familieren Hunger. Eine Milchkuh war bei einem befreundeten Bauern im Nachbardorf Sengwarden aufgestallt, zwei Schweine bevölkerten das Jahr über den Hausstall, Karnickel mümmelten sich in den Stallungen an der Hinterhauswand durch ihr Kaninchendasein, eine Koppel Schafe und eine Ziege ließen es sich auf den gepachteten Deichabschnitten zwischen dem Geniusbankdeich und dem Knyphauser Siel, und ein gutes Dutzend Eierleger im Hühnerauslauf gut gehen. Hühner waren es später, in den Middelsfährer Obstgartenjahren, erheblich mehr von der Anzahl her. Von Middelsfähr und dem Obstgarten berichte ich an anderer Stelle ausführlicher.

Hund und Katze und Meerschweinchen zählten zwar auch zur Familie, sie spielten aber ja in Punkto den menschlichen Hunger stillen für uns keine Rolle.

Und wie es denn so war, wir hatten Hühner, Burmester hatten kein Federvieh im Stall. – also wanderten eines Tages zwei Hühner im Korbe als Hungerhilfe von Eden nach Burmester, um auch in deren Haushalt die tägliche Eierversorgung sicherzustellen. Gratis natürlich.

Wie es sich dann eines Tages so ergab – unsere Hühner waren gerade in der Mauser. Eier auf Vorrat gab es bei uns eh nicht, weil irgendwie immer Menschen da waren, die um Mutters Großherzigkeit wussten und die Eier benötigten. Kurz und gut – wir hatten keine Eier im Hause, als meine Schwester Tilde sich mit kochendem Wasser den Arm verbrühte. Um das Entstehen einer Riesen Brandblase zu verhindern musste da rohes Eigelb drauf. Da Frau Burmester wegen ihrer „Sparsamkeit“ bekannt war, hegte Mutti die Hoffnung von ihr ein Ei aus ihrem Vorrat zu bekommen – obwohl für Burmesters 6 Personenhaushalt ja nur zwei Hühner Eier produzierten.

Mathilde wurde mit der Bitte um ein Ei geschickt. Frau Burmester hatte Vorrat – ein Ei wurd’ gegeben und ein wesensbezeichnender Satz gleich dazu: Mama soll mir das Ei aber schnellstmöglich wieder zurückbringen lassen. Dazu erübrigt sich doch jeder Kommentar.

Noch eine Begebenheit möchte ich als Beleg für Frau Burmesters „Sparsamkeit“ anfügen.

Zweimal im Jahr war bei uns im Hause Schlachtfest – jedes Frühjahr und jeden Herbst sprang ein Schwein über die Klinge. Geschlachtet wurde nur in Monaten die ein „Rudolf“ im Namen führen. In den Monaten ohne dieses „r“ war es einfach zu warm.

Die Hausschlachter gingen in den warmen Monaten anderen Tätigkeiten nach – meist in ihren erlernten Berufen, denn Schlachter hatte in der Regel keiner von den mir bekannten Hausschlachtern gelernt. Beim „gelernten“ Schlachter wird das Ergebnis seiner Bemühungen meist vom Profitdenken bestimmt. Beim „Hausschlachter“ alter Prägung dagegen weitgehend von der Geschicklichkeit und dem Geschmack der ihm assistierenden Hausfrau. Das alles aber hat mit Frau Burmester nun nicht das Geringste zu schaffen, obwohl es sich hier auch um die Wurst dreht.

Bei unseren Schlachtfesten bekam jedes der anwesenden Kinder einen Kringel geschenkt. Ein Kringel das ist gut 200 Gramm Mettwurst im Ring. Dieser Kringel gehörte dann jeweils dem Kind, das ihn bekommen hatte. Mettwurst soll allgemein an der Luft trocknen, bevor sie zum Verzehr angeschnitten wird. Für den Trockenvorgang werden die Würste unter der Decke – de Böän – am Schornstein oder auf dem Dachboden aufgehängt zum Reifen. Unsere Kringel hatten meist gar keine Zeit zum Reifen oder Trocknen – wir verzimmerten sie schon meist, kaum dass die Pelle, der Wurstdarm, nach dem Füllen trocken war. Wir brauchten ja nicht sparsam damit umgehen, denn bei uns hingen das ganze Jahr über Mettwürste und Speck- oder Schinkenseiten an der Decke und warteten darauf, den Weg alles Vergänglichen gehen zu können.

Burmesters Kinder Gertrud, Herbert, Hans-Georg und Otto hatten ja schnell gespitzt, dass bei Edens wieder ein Schlachtfest bevorstand und zogen am Abend mit ihren Kringeln beglückt nach Hause.

Als das nächste Schlachtfest angesagt war, da hingen die Kringel der Kinder noch immer in Burmesters Küche an der Decke. Soviel zu Frau Burmesters Sparsamkeit.

Eine andere Geschichte aus dieser Zeit, die auch mit Torf und Schwein zusammenhängt, spielt zwischen Eversmeer, Sengwarden und Voslapp. Mutti konnte sich wegen ihrer Aktivitäten im Moor auch zu den Torfproduzenten und -händlern zählen. Wir besaßen in Ostfriesland Land und Rechte um im Moor Torf abzubauen. Zumeist sollte es für den Eigenbedarf sein – in gewissem Rahmen wurde der Torf aber auch verhandelt. In diesem besagten Fall hieß es Torf gegen fettes Schlachtschwein. Schweineanbieter war der Bauer L. bei Sengwarden. Meine Mutter und der Bauer waren sich schnell handelseinig – und sowieso, man kannte sich ja von diversen anderen Alltags-Geschäften her. Ein Fuder Torf stand gegen ein schlachtreifes Borstenvieh.

Den Torf von Ostfriesland nach Wehlens transportieren, das war kein Problem. Fuhrmann Karl Buntkiel aus Alt-Voslapp war für solcherart Unternehmungen stets der richtige Mann. .Sein alter Frachtwagen mit Holzgasmotor erledigte einfach alles. Der Torf kam vormittags zum Bauern auf den Hof und das Schwein sollte dann im Gegenzug des Abends im Schutze der Dunkelheit über die Besat-zungsgrenze an den Kontrolleuren vorbei nach Voslapp geschafft werden. Von wegen der gesetzwidrigen Schwarzschlachterei. So war es zwischen Mutter Sophie und Bauer L. abgesprochen und mit Handschlag besiegelt worden. Als das Fuder Torf aber des Mittags auf dem Hof lag, da bestand Bauer L. plötzlich darauf, dass das Schwein sofort und in der Tageshelle abtransportiert werden sollte.

Wie meiner Mutter gesteckt worden war, warteten am Kontrollpunkt schon die Besatzer aus der benachbarten Kaserne, um die Sau zu beschlagnahmen. Die Serben hatten auch wohl gewaltig Appetit auf Schweinebraten, der ihnen hier aus der Nachbarschaft angekündigt worden war.

Des Bauern Schlitzohrigkeit hatte ihm vielleicht auch eingegeben, das Schwein über den Grenzposten wiederzubekommen. Frei nach dem Motto, eine Hand wäscht die andere. Er wollte wohl Torf haben und Schwein behalten. Wahrscheins hatte er sich gute Chancen dafür ausgerechnet, denn Mutter Eden war ja mit dem Fuhrmann allein in fremdem Revier, und der Torf lag im großen Haufen auf dem Hof. Solch einen dicken Strich hatte Bauer L. sein Lebtag noch nicht zu Gesicht bekommen, als wie Sophie ihm jetzt einen durch seine Rechnung machte. Er meinte vielleicht Sophie Eden gut und lange genug zu kennen – er kannte sie nicht. Nicht gut und nicht lange genug.

Fuhrmann B. bewachte also nach strikter Weisung den Torf und Mutter trommelte derweil in Voslapp alle Kringelempfängerkinder zusammen und beor-derte sie umgehend ins Nachbardorf. wer von den Nachwuchsvoslappern irgendwie und irgendwo einen Drahtesel auftreiben konnte, der schloß sich spontan diesem Kreuzzug in das zu der Zeit noch jeverländische Kirchdorf an.

Im Nullkommanichts waren die Torfstücke von vielen flinken Kinderhänden wieder aufgeladen und nahmen anschließend, an den sichtlich enttäuschten Besatzerkontolleuren vorbei, den Weg nach Voslapp. Für unseren eigenen Bedarf blieb dann von dem Fuder nicht viel übrig, weil ja die vielen freiwilligen Helfer auch belohnt werden mussten. Die hinterlistige Rechnung des Bauern aus Wehlens war aber jedenfalls nicht aufgegangen. Das war meiner Mutter der Einsatz wert gewesen.

Das man besser erst gar nicht versuchte mit Sophie Eden solcherart Spielchen zu spielen hatte meine Mutter ihm aufgezeigt.

Zumindest das hatte er wohl begriffen, wie er es später einmal sagte, der Bauer L. aus W.. Und am Ende die Freude, dem reichen Landmann die Suppe versalzen und eine Reihe armer Kinder und deren Familien zu einer warmen Küche verholfen zu haben, hat sie, so glaube ich, mehr gewärmt, als wie das größte Fuder Torf es hätte tun können.

Unsere Mutter setzte sich des Abends, wenn wir Kinder zu Bett waren und alles andere versorgt war, auf einem Stuhl vor den Küchenherd. Die Füße steckte sie in den noch warmen Backofen, weil des Nachts der Herd nur eingelegt war, und der sonstige Raum doch zumeist sehr abkühlte. Dann strickte sie, und wenn wir Kinder denn des Morgens zu Potte kommen mussten, weil die Schule uns rief, dann konnte wieder eines von uns ein Paar in der Nacht von ihr gestrickte lange Wollstrümpfe anziehen. Sie reichten uns stets bis hinauf in die Leisten. Wenn dies hier später vielleicht einmal jemand lesen wird, dann mag er wohl staunend sagen, so etwas gibt es nicht. Und doch war es so.

Eine andere Begebenheit möchte ich erzählen, die manch einer auch ins Reich der Fabel abtun würde.

Meine Schwester Meta war nach ihrer Schulzeit in Stellung gegangen. Das heißt, sie war als Magd bei einem Bauern im Jeverland in Arbeit gekommen. Im ersten Winter kam sie am Abend vor ihrem freien Tag spät mit dem Fahrrad nach Hause. Jede zweite Woche gab es in der bäuerlichen Landwirtschaft am Sonntag frei – aber nur immer die Zeit zwischen dem morgendlichen und dem abendlichen Melken. Ihre Kleidung, ihre Wäsche und alles was sonst dazugehörte, das musste zuhause von der Mutter in Ordnung gebracht werden. Erbärmlich war der Zustand meiner Schwester. Völlig durchnässt, völlig durchgefroren und mit Erfrierungen an den Füßen – auch wegen des dünnen Schuhzeugs. Sie war fast unfähig noch laufen zu können. Unten in der Nähstube auf dem Chaiselongue, unserem französischen Prachtmöbel, machte Mama ihr eine Schlafstatt zurecht, auf der sie dann auch sogleich in einen todesähnlichen Schlaf fiel. Sie war total erschöpft. Mutter blieb die ganze Nacht auf und umsorgte ihre Tochter. Sie nutzte die Zeit, um zu nähen und zu stricken. Als meine Schwester des Morgens erwachte, konnte sie ein Paar neue Wollstrümpfe anziehen, die unsere Mutter in der Nacht für sie gestrickt hatte – und sie hatte in den Füßen keinen Frost mehr. Sie war vollkommen beschwerdefrei. Was war geschehen? Mutter hatte die ganze Nacht hindurch mit Urin getränkte Umschläge um die frostgepeinigten Füße ihrer Tochter gewickelt. Sie hatte uns Geschwister deswegen ein paar Mal aus dem Schlaf geholt, wenn ihr für die Behandlung der Urin ausging, damit wir unsere Pipi in einen Topf pinkelten. Ein Wunder war geschehen – so schien es.

Mutter konnte aber auch anders sein. Manches mal grenzten ihre erzieherischen Maßnahmen auch fast an Wunder. Meine jüngste Schwester Helene war ja ihrem Gebaren nach schon eher ein Junge. Sie war unangefochten die Anführerin aller in der Nachbarschaft wohnenden Jungen. Die der Mädchen natürlich auch. Unser Schulweg in Voslapp war eigentlich ein kurzer Weg über eine gute Strasse. Helene mitsamt ihrer Clique benutzte aber einen anderen Schulweg – die Verbindung zwischen und hinter den Siedlungen – den Weg durch die Entwässerungsgräben, die ‘Gubbelschlöte’. Dementsprechend sahen sie natürlich auch alle aus, wenn sie aus der Schule durch den Garten nach Hause gestiefelt kamen. Für unsere Mutter war das immer wieder eine riesige Freude, denn nicht nur Helene stand stets zur Reinigung an – nein, auch ihre Gefährten wurden geschrubbt und die Kleidung gewaschen und geflickt. Ansonsten hätte es nämlich bei den meisten von ihnen zuhause ein Riesendonnerwetter gegeben. Eines Tages nun hatte Mama Sophie einen großartigen Einfall – eine grandiose Idee.

Helene wurde ernsthaft von ihr klargemacht, dass, würde sie noch einmal mit den Kameraden durch die Gräben ziehen, meine Mutter ihr eine Stricknadel in den Hintern stechen würde. Wobei Mama ihr zeigte, bis wie tief der Stich beim ersten und um wie viel tiefer der Stich beim zweiten Mal ausfallen würde. Und da unsere Mutter ja allgemein als eine ernsthaftige Person galt, ging Klein-Helene fortan ganz gesittet den normalen Schulweg über die befestigte Strasse. Dadurch war Helene nun keineswegs zu einer Musterknäbin geworden – aber ein kleines Stückchen mehr Mädchen war sie von da an doch.

So reiht sich ein Kindheitserleben an das andere. Es gibt noch viel zu berichten.

Wenn unsere Mutter von zuhause fort war, was ja nahezu täglich der Fall war, blieben wir Geschwister natürlich allein im Hause bis sie von ihren Geschäften zurückkehrte. Wo sechs Kinder sind, da sind naturgemäß auch viele Freunde. Mutters Leitsatz, wenn sie ging, der war stets: Geht nicht mit euren Schulkameraden nach Hause – ich will, wenn ich wiederkomme, von den Eltern der anderen keine Klagen über euch zu hören bekommen. Ich weiß, ihr seid vernünftig – bringt eure Freunde mit nach Hause – wenn dann mal etwas kaputtgeht, dann habe ich wenigstens keinen Streit mit den anderen Eltern. Diese Regel wurde von uns Geschwistern auch eisern befolgt. Dadurch war bei Edens natürlich immer was los. Langeweile war ein Wort, das uns völlig fremd war. Wir kannten Spiele, von denen heute die Kinder keine blasse Ahnung mehr haben. Sie sind zum größten Teil aus dem Wissen der Menschen verschwunden.

Einige Spielchen und ihre Abfolge möchte ich hier festhalten. Vielleicht leben sie eines Tages wieder auf, und erfreuen die Kinder erneut.

Ganz raffiniert war der „Besuch beim Zahnarzt“. Der Patient setzte sich auf den, mit einer bis zum Fußboden reichenden Decke versehenen und mit Löchern in der Sitzfläche präparierten, Behand-lungsstuhl. Ihm wurde ein Umhang umgelegt – der Kusendoktor schaute ihm mit einem zu einem Spiegel umfunktionierten Tee- oder Kaffeelöffel in den Mund. Es wurde mit dem Löffel geklopft und geguckt – und immer wieder kam die besorgte Frage des Doktors: Spürst Du schon etwas? Die Frage wurde solange mit einem Nein beantwortet, bis der unter dem Stuhl versteckte Mitspieler mit Hilfe einer Stricknadel beim Patienten für mehr oder weniger heftige „Zahnschmerzen“ im Podex sorgte.

Als Patienten konnten natürlich nur immer wieder Neulinge angeworben werden, was die Sache manchmal allerdings etwas schwierig gestaltete.

Der Besuch auf der Sternwarte war ein ebenso beliebtes Neulingsspiel.

Der Besucher durfte auf den Beobachtungsstuhl Platz nehmen. Da Sterne ja nur bei Dunkelheit beobachtet werden können, bekam der Sterngucker zuerst einmal einen blickdichten Militärmantel über den Kopf gehängt. Durch einen Ärmel dieses Mantels sollte dann wie durch ein Fernrohr der Sternenhimmel betrachtet werden. Von außen wurde anschließend immer wieder die Frage gestellt, ob denn schon etwas zu sehen sei. Es war solange ein Nein zu vernehmen, bis einer von uns Außenstehenden einen Topf kalten Wassers in den Mantelärmel entleerte. Keiner der Eingeweihten verriet etwas, damit uns die unwissenden Besucher nicht von der Fahne gingen. Jeder von uns war ja einmal auf der Schadensseite gewesen und alle wollten naturgemäß auch mal auf der Seite der Schadenfreude stehen. Diese Genugtuung wollte sich doch niemand entgehen lassen.

Ein ganz vergessenes Vergnügen war das Spiel, das wir „Schlittenfahren“ nannten. Schlittenfahren im Sommer und ohne Schnee. Irgendwie waren wir die Erfinder der späteren Sommerrodelbahnen.

Für dieses Vergnügen benutzten wir die Matratzen unserer Betten aus den Schlafzimmern im ersten Obergeschoß. Es waren die für diese Zwecke hervorragend geeigneten und ein wenig hartleibigen dreigeteilten Seegrasmatratzen, die zu der Zeit ausserhalb der ländlichen Gebiete schon die Strohsäcke oder –schütten ersetzten, die noch in den Alkoven oder Butzen unserer Großeltern zu finden waren. Die einzelnen Teile dienten uns als Schlitten, auf denen wir immer wieder die Treppe ins Erdgeschoß hinunter „rodelten“. In der Breite füllten sie exakt den Treppenlauf aus. Von dieser Zweckentfremdung der Matratzen durfte unsere Mutter ganz gewiß nichts wissen, das wussten wir. Irgendwann hat sie dann davon erfahren – aber wie gesagt, das war irgendwann – und irgendwann hat sie mir auch einmal erzählt, dass sie davon immer gewusst hat, und dass uns nur nie die Freude am Zuhausebleiben nehmen wollte. Unsere Mutter war schon eine kluge Mutter.

Äußerst beliebt war unter uns Kindern – und da waren es vornehmlich wir Bengels – zur Vorweih-nachtszeit das „Einrauchen“ der Tonpfeifen der Stutenkerle vom Nikolaustag. In Ermangelung originalen Tabaks rollten wir die wintertrockenen Blätter der Hainbuchenhecken und stopften damit die tönernen weißen Pfeifenköpfe, um sie dann mit mehr oder minder großem Erfolg zu schmöken. Mehr oder minder heißt, bei einem „mehr“ war der Erfolg in die Hosen gegangen – bei einem „minder“ beschränkten sich die Folgen auf einen verkorksten Magen und ein grünes Gesicht.

Ein Erleben dieser Art von Häuptlingswürde ist mir besonders lebhaft in der Erinnerung haften geblieben. Unser Stall auf dem Hof hatte über dem Hühnerrefugium einen kleinen Spitzboden unter dem Dachgebälk, auf den wir Kinder uns mit Vorliebe zurückzogen, wenn es etwas zu beschicken oder zu bereden galt, was nicht für die Augen und die Ohren der Großen bestimmt war. In diesem Rückzug von der Alltagswelt fanden auch die ersten Erkundungsstreifzüge in die Gebiete der noch mädchenhaften Weiblichkeiten des anderen Geschlechtes statt. Es waren für uns alle alles prägende Erlebnisse und Erfahrungen – diese noch zaghaften, aber im Nachhinein wunderbaren ersten Schritte in die Erwachsenenwelt hinein.

 

Weißt du noch . . .

 

Die Sommerrosen aus der Zeit –

weißt du noch wie sie rochen?

Die Jugend – sie liegt lang schon weit –

als wir in Hecken uns verkrochen.

 

Ob wir was ausgefressen hatten –

oder weil es bloß so schön,

manchmal war es kühler Schatten –

der uns ließ den Himmel seh’n.

 

Süßgeahnte fremde Welten –

noch nicht gefühltes dunkles Glück,

wie oft begann man uns zu schelten –

zog uns in Unschulds Welt zurück.

 

Doch jedes Riechen prägte Male –

mit jedem Fühlen loderte – zuerst der Kern,

und dann die Schale –

jeder Blick rückte die Kindheit fern.

 

Bis sie in tausend kleinen Stücken

füllte der Jugend engen Raum –

der Kindheitswelt mußt’ man entrücken,

es blieb uns immer nur der Traum.

 

Drum lebe, wenn du Kinder findest –

egal auch wo auf dieser Welt,

den Traum zurück – indem du bindest

die Seele nicht an’s große Geld

 

Ich sehe Feuermale streichen,

der Geist entweichet aus der Flasche –

wenn wir uns nicht die Hände reichen

liegt Unschuld bald in Schutt und Asche.©ee

 

 

Eines schönen Sommertages kam meine schon etwas sehr ältere Kusine Rinelde, die bei uns in der Strasse uns schräg gegenüber wohnte, aufgeregt rufend zu unserer Mutter in die Küche gelaufen. Tant’ Sophie … Tant’ Sophie … euer Hühnerstall brennt. Und tatsächlich – zwischen den roten Dachziegeln stieg intensiver grauer Rauch aus dem Inneren des Stalles auf. Was war die Ursache dieser beängstigenden Rauchentwicklung? Auf dem Hühnerstallboden hockten mein Bruder Hermann mit Gerd Buse und einigen anderen Kriegern – sie rauchten, was das Zeug hielt. So brannte zwar nicht unser Hühnerstall, aber eine überaus kurze Weile später (das jetzt bitte nicht mit dem Begriff ‚kurzweilig’ verwechseln) brannten in den heißesten Lohen die Hintern einiger tapferer Krieger und Friedenspfeifeschmökern. Der böse Zufall wollte es nämlich, dass Gerd Buses Vater Karl das Geschehen ob der Aufgeregtheit meiner Kusine aus erster Hand mitbekommen hatte, weil er gerade auf einen lütten Köhm bei Edens in der Küche weilte. Vater Karl war in seiner Art der Knabenzüchtigung nämlich nicht gerade zimperlich, und seine Pranken waren breiter, als mancher Übeltäter Hintern groß war. Daran konnte dann auch der heftigste Einspruch meiner Mutter nichts ändern. Dieses „Pack Haue“ war aber meines Wissens und nach meiner Erinnerung bei uns damaligen Welterkundlern von vorneherein mit einkalkuliert. Es hat uns auf jeden Fall nicht merklich vom Kurs abgebracht – geschmökt haben wir nach wie vor, eben nur an anderen, an nicht so augenfälligen und gefahrvollen Orten.©ee

 

 ewaldeden

ein kleiner Teilauszug aus

Verwehte Zeit

Getaggt mit ,

Siebzehn auf einen Streich …

.

Erinnerungen an schöne Tage …

Siebzehn auf einen Streich …

Es war die Zeit der Herbstzeitlosen – das wäre eine schöne Überschrift. Dieser Satz fiel mir so spontan ein, als mir – ebenso spontan während eines Gesprächs – der Anlaß für diese kleine Geschichte einfiel. Es war aber nicht die Zeit der Herbstzeitlosen – man könnte wohl eher sagen, es war die Zeit der Vaterlosen.

Die Zeit der vaterlosen Kinder, weil die Väter entweder im Krieg gefallen waren, oder sich noch irgendwo in den sibirischen Weiten in irgendeinem Kriegsgefangenlager befanden. Die westlichen Siegermächte des zweiten Weltenbrandes hatten ihre Kriegsgefangenen zu dieser Zeit schon längst wieder in die Heimat – in eine zerstörte Heimat entlassen. Aber das war nur eine Minderzahl der Väter, die im Kriege an den Fronten gekämpft hatten.

 

Es war die Zeit der Mittellosen – und es war auch die Zeit der Arbeitslosen. Konjunktur hatten nur die Gasthöfe und Kneipen, die in der Nähe einer Stempelstelle angesiedelt waren. Stempeln gehen mag heute in den Ohren vieler junger Menschen unbekannt und exotisch klingen, für die Generation nach dem Kriege – eigentlich nach beiden Weltkriegen – war es ganz sicher eines der schrecklichsten Wörter im Sprachgebrauch. Es wurde in seinem Negativwert nur noch übertroffen von dem Wort Schwindsucht.

 

In eben diesen Kneipen blieb häufig schon ein erklecklicher Teil des wenigen Geldes, das vom Sinn her für den Lebensunterhalt der Familie bestimmt war. Die Wirtinnen und Wirte freute es, die Mütter und Kinder daheim wohl weniger.

In unserer Siedlung hatten eine Handvoll umsichtiger Männer einen Verein gegründet. Ich höre jetzt garantiert aus einer Ecke den bekannten Spruch: Wenn drei Deutsche zusammenkommen, dann gründen sie gleich einen Verein.

Das mag manchmal so sein.

Doch in diesem Fall lagen die Dinge ein wenig anders. Eine handvoll Männer rief einen Verein ins Leben, um den Kindern in unserer Siedlung – den Kindern an unserer Schule – ein wenig den kargen Nachkriegsalltag erträglicher zu gestalten. Mögen die Gründe dafür auch vielfältig und verschieden gewesen sein.

Ein, als Lehrlingsheim ausgedientes, Gebäude der ehemaligen Kriegsmarinewerft wurde angemietet, und in mühsamer, aber liebevoller Eigenarbeit so hergerichtet, dass wir Schulkinder einmal im Jahr, während der regulären Schulzeit, eine Woche verreisen konnten.

Alle Kinder – ohne Ausnahme !

Nach meiner Erinnerung ist es nicht vorgekommen, dass auch nur einmal ein Kind zu Hause bleiben mußte, weil die Eltern kein Geld hatten, um die Reise zu bezahlen.

Die monatlichen Beiträge waren niedrig angesetzt – so niedrig, dass auch den Familien mit geringstem Einkommen die Mitgliedschaft möglich war. Eine Mark musste jede Familie an jedem Monatsersten in die Vereinskasse einzahlen.

Unabhängig von der Zahl der Kinderköpfe im Hause. Es wurde kein Unterschied gemacht, zwischen kinderreich und kinderarm. Nicht selten wurde sogar Familien, in denen kein Vater, dafür aber noch größere Not zuhause war, der Beitrag ganz erlassen. Heute denke ich so manches Mal, irgendwie war trotz häufig fehlender Feuerung damals die Welt um einiges wärmer.

Mag sein, ich täusche mich.

 

Wenn es dann endlich Montagmorgen hieß: „Leinen los“ und der altersschwache Omnibus röhrte und stampfte mit keuchender Maschine Kurs Schweinebrück – dann fuhren wir mit Hurra und Gejuchze sieben Tagen Glück entgegen. Allein die Fahrt dahin – durch die wunderschöne friesische Wehde und längs des Neuenburger Urwaldes – trieb unseren Adrenalinspiegel – wenn wir denn so was schon hatten – in himmelhohe Höhen. Es war aber auch zu schön, in einem Omnibus durch die Lande kutschiert zu werden, der nicht nur röchelte und keuchte, wie der altersschwache Gaul von Kohlenhändler Pieper, wenn er einmal die Woche durch die Siedlung zog, um den Leuten, die es sich leisten konnten Kohlen zu kaufen, Kohlen zu verkaufen. Die Bezeichnung Kohlen war bei dem, was die meisten ins Haus gebracht bekamen, wohl nur der Deckname.

Die Zeit der Tarnbezeichnungen war ja noch nicht allzulange Vergangenheit. Die meisten konnten sich nämlich nur Schlammkohle leisten. Das war angefeuchteter Kohlenstaub. Heute würde man wohl sagen, igittigitt – wat’n Schietkram. Wie gesagt heute. Damals war es schwarzes Gold. Bloß Goldstaub eben.

Für den Kohlenhändler war es, trotz des niedrigen Preises, sicherlich noch ein gutes Geschäft.

Nur bei uns, in unserem Hause, konnte er kein Geschäft damit machen. Wir waren Königs – wir brannten Torf. Wir brannten Torf aus dem eigenen Moor. Wer konnte das schon in unserer Armeleutesiedlung von sich sagen.

Für uns Kinder hatte sich auf jeden Fall plötzlich das Paradies aufgetan. Für die allermeisten von uns jedenfalls. Schulferien hatten wir natürlich, wie heute auch – aber verreisen? Und gar irgendwohin in fremde Lande – das gab es noch nicht.

Wir verbrachten die schulfreien Wochen zu Hause – in den Weiten des Groden vor dem Deich und in den Trümmerbergen der nach dem Kriege zerstörten Seeschleusen. Wir angelten auf Abessinien unserem Inselparadies, und wühlten uns durch den Schlick des alten Voslapper Hafen.

Das weiteste Ferienziel war unser alter Leuchtturm. Unser Leuchtturm war es, weil er einmalig war in seiner Bauweise. Er stand wie ein unerschrockener einsamer Zinnsoldat mitten im Wattenmeer – anderthalb Kilometer vom Deich entfernt, am Rande des tiefen Fahrwassers. Manchmal schien er mir wie auf verlorenem Posten zu stehen – der einsame Wächter da im Watt.

Und jetzt so etwas – während der regulären Schulzeit verreisen.

 

Wir fühlten uns, als wenn wir in einen Feldzug fuhren – na ja, das sollte ich wohl nicht sagen – aber die überlieferten Bilder waren uns noch zu nah. Auch die von freudigem Auszug der Truppen in Feindesland. Wir sangen laut und fröhlich im Chor – und ebenso wie auf den noch zu frischen Erinnerungsbildern, wurden die Lieder von Knattern und Knallen begleitet.

Wenn der Motor unter der langen Kühlerhaube nämlich nicht röchelte und keuchte, dann knallte und knatterte und furzte er lustig in der Gegend herum. Es machte ihm wahrscheinlich riesigen Spaß, mit seinen lauten Spätzündungen die Menschen auf den Strassen zu erschrecken.

 

Das Schullandheim in Fuhrenkamp war wohl keine Weltreise von unserem Ort entfernt, eine gutgenährte Stunde brauchte der alte Veteran über den gewaltigen Gummirädern aber doch, bis er unser Ziel erreichte – unser Schullandheim. Es lag direkt am Rand des Schweinewaldes.

Die meisten von uns wussten zwar schon, wie Wald geschrieben wurde, und was in einem Wald alles so herumstand. Aber einen Wald in natura gesehen – oder gar angefasst – nee, das Glück war den meisten von uns noch nicht vergönnt gewesen.

 

Auf alle Fälle waren wir glücklich – wir, die wir anreisten. Empfangen wurden wir regelmäßig von den geschäftigen Heimeltern – lange Jahre waren es Mutter und Vater Kalmuszak. Freudig begrüßten uns die Bewohner des benachbarten Altenheims – und weniger freudig die Kinder aus der Abreiseklasse. Für sie war die Glückswoche zu Ende.

Während wir Ankommenden übermütig aus dem Ungetüm von Omnibus herauspolterten, nahmen sie anschließend auffallend schweigsam die, von unseren aufgeregt hin- und herrutschenden Hintern, noch warmen Plätze ein.

 

Unser Abenteuerglück nahm nun Gestalt an. Waren wir in der letzten Stunde nur erwartungsvoll darauf zugeflogen, befanden wir uns jetzt am Ziel – inmitten des Reiches von Feen, Elfen und Schlaraffia.

Wir wurden sogleich „lehrerschonend“ auf die Zimmer verteilt, wie unser weiser, alter Schulmeister es nannte. Er kannte ja seine Rasselbande aus den Schulalltagen zur Genüge. Als ehemaliger Offizier des Afrikacorps setzte er für Rasselbande allerdings stets die Bezeichnung Pappenheimer. Das lag ihm wohl mehr. Wir wussten aber alle, was er damit meinte.

Alles, was zum pinkeln nicht die Hosen runterziehen musste, wurde zwei Treppen hoch, im Dachjuchhee, einquartiert. Die erste Etage war den Röcken vorbehalten. Das war seine Referenz an die Weiblichkeit, so nannte es Papa Hopf .

Auf jeden Fall lag seine Wohnstube, wie ein unüberwindliches Bollwerk, zwischen Mädchen- und Jungenrevier. Direkt am Fuße der knarrenden Treppe ins Obergeschoß. Warum das wohl?

Die älteren unter uns haben gewiß nächtens hin- und wieder versucht, dass Gebiet jenseits der Frontlinie zu erkunden.

Dagegen hatte der alte Stratege in seinem Bunker aber noch eine zusätzliche Sicherung eingebaut – die Wachstube. Das erste Zimmer, das – zum Mädchentrakt hin – an seines grenzte, wurde stets mit sechs von uns Jungens belegt, von denen es ein jeder als Auszeichnung empfand, zum Wachpersonal zu gehören.

Papa Hopf konnte sich beruhigt aufs Ohr legen, und schlafen – zwölf andere Ohren hörten für ihn jedes noch so feine Geräusch, dass über die imaginäre Grenze schlich. Der alte Haudegen kannte wirklich seine Pappenheimer.

Er hielt die streunenden Hunde mit anderen Hunden vom Gehege der ihm anvertrauten Hühner fern.

Immer hat das ganz sicher nicht vollkommen funktioniert – aber nie hat ein gackerndes Hühnchen den nächtlichen Frieden im Hause gestört, und die Federkleider waren morgens auch alle wieder in Ordnung.

So war er – unser alter Papa Hopf.

 

Der erste Tag war immer viel zu schnell zum Abend geworden. Wir hatten ja nicht die Menge zum einräumen – unser Besitz an Kleidern war in der Zeit noch äußerst beschränkt. Aber wir hatten jede Menge zu erkunden, um unsere Neugier zufrieden zu stellen.

Was hatte sich nicht alles in dem Jahr seit unserem letzten Aufenthalt verändert. Jede Kleinigkeit war uns wichtig – erschien uns riesengroß, und wenn es nur der länger gewordene rotweiss geringelte Schwanz von Nelly, der Hauskatze war.

 

Nach dem Bettenbauen, und der ersten Vesper, zog es uns stets in die Nachbarschaft – der einzigen übrigens in weitem Umkreis. Wir mussten unsere Omas und Opas im hundert Meter weiter im Wald liegenden Altenheim besuchen.

Jedes von uns Kindern hatte nämlich ‚seine’ Oma, oder ‚seinen’ Opa da gefunden – zumindest für die sieben Tage Aufenthalt.

Für die alten Menschen in dem Gemäuer war der Tag der ersten Kindereinquartierung im lange verwaisten Lehrlingsheim der Kriegsmarinewerft so etwas wie ein Lotteriegewinn gewesen.

Und sie ließen uns an ihrem Glück teilhaben.

Obwohl sie selber wahrlich nicht mit irdischen Gütern gesegnet waren, ging doch niemand von uns bei der Begrüßung leer aus.

Kleine, selbst gebastelte Geschenke mit Leckereien, wenn auch meist nur winzigen, versüßt, landeten in unseren – nein, nein, nicht in den Hosentaschen – sie landeten gleich in unseren Mündern.

Es kam ja nicht so häufig vor, dass Schlickersachen auf uns niederfielen, wo doch zu Hause bei vielen noch das Brot fehlte.

 

Am ersten Abend unseres Aufenthaltes hatten wir stets rechtschaffen müde zu sein. So sagte man es uns zumindest immer schon vorher. Die aufregende Erwartung des bevorstehenden Ereignisses, die ungewohnte ferne Fahrt mit dem großen Omnibus, die neue Umgebung, die andere Luft – Luftveränderung macht müde, davon waren alle Großen, die zu Hause zurückblieben überzeugt – unsere Sachen ordentlich einrichten, und, und, und …!

Das traf augenscheinlich auf uns alles nicht zu. Nie waren wir so munter und aufgekratzt wie am ersten Abend im Landschulheim.

Wir waren doch wohl etwas Besonderes.

 

Es gab doch auch soviel zu bedenken. Was sollten wir an diesen sieben Tagen ohne einen gut ausgeklügelten Schlachtplan auch tun. Wie sollten wir uns unseren Klassenkameraden gegenüber verhalten, wenn sie im Schutze der Nacht den Versuch unternahmen, die Front zu den Mädchen zu durchbrechen? Und wie sollten wir, umgekehrt, den Angriffen der Versucherinnen standhalten, zu deren Schutz wir eigentlich aufgeboten waren?

Es war schon ein Kreuz – denn, mich hatte es wieder einmal in die Wachstube verschlagen – mit fünf meiner Schulkameraden. Papa Hopf hatte Wochen zuvor – noch lange vor der Zeit – schon festgelegt, wer wann, wohin und wieso. Seine Witwe, die wir noch lange nach seinem plötzlichen Tode regelmäßig besuchten, hat es uns irgendwann erzählt.

Und irgendwann in der Nacht erwischte uns doch der Schlaf, und es war Ruhe im Schiff.

 

Der folgende – also der erste ‚richtige’ Tag in der Glücksfreiheit war für jede Schulklasse oder Gruppe Arbeitstag.

Arbeitstag hört sich schlimm an, war es aber nicht. Arbeitstag – dass hieß, alle Mann raus in den Wald – raus in den Wald, und Kienäppel sammeln. Wer nicht weiß was Kienäppel sind – Kienäppel sind Kiefernzapfen. Wir sammelten natürlich nicht nur Kiefernzapfen.

Die Fruchtstände aller Nadelbäume waren uns willkommen – oder besser gesagt, sie waren unserem Herbergsvater hochwill-kommen.

Ihm waren sie Brennmaterial für den großen Kessel, der dafür sorgte, dass wir zum Waschen warmes Wasser und in kühlen Nächten ebenso warme Hintern hatten. Das große Haus wurde schlicht und einfach mit Kiefern- und Tannenzapfen beheizt. Auf diese Weise schonte man die Vereinskasse in löblicher Manier.

Auch dadurch konnte allen Kindern unserer Schule der alljährliche Aufenthalt ermöglicht werden. Es war aber nicht allein das preiswerte Kesselfutter, das dazu beitrug. Wir Kinder trugen auch sonst noch einen gehörigen Teil dazu bei.

 

Innerhalb unseres Schulgrundes befand sich ein riesiger Garten. Nicht etwa in der Art der öffentlichen botanischen Gärten, wie sie in vielen Städten zu finden sind. Auch nicht dem englischen Garten in München, oder gar den Gärten von Versailles nachempfunden – iwo, unser Schulgarten war ein profaner und sehr ertragreicher Essgarten, in dem alles wuchs und gedieh, was Mensch verzehren konnte. In dem alles wuchs und gedieh, was wir Kinder unter fach- und sachkundiger Anleitung unserer Lehrer in ihm säten und pflanzten. Wir gruben die Äcker, wir arbeiteten fuhrenweise den Mist ein, den Fuhrmann Janssen aus dem sieben Kilometer entfernten Hooksiel mit seinem alten Dieselross von Fendt regelmäßig im Herbst für geringen Lohn herantuckerte.

Es wohnten ein paar vornehme Leute im Umfeld der Schule – zumindest hielten sie sich dafür – die sagten wohl Stalldung, wenn sie von der bevorstehenden Düngeraktion sprachen. Ihre Vornehmheit war aber nicht sehr standhaft, denn kaum waren die Treckeranhänger entladen, und der warme Haufen duftete stillzufrieden vor sich hin, hörte man ganz unvornehm von diesen vornehmen Leuten: „Hier stinkt es aber gewaltig nach Mist.“ Solche Aussprüche berührten uns aber nicht im Mindesten – wir hatten doch sonst genügend reine Luft zur Verfügung. Und die auch noch kostenlos.

 

All das, was in unserem Schulgarten geerntet wurde, ging den Weg nach Schweinebrück. Es wurde in die Küche und den Keller unseres Schullandheimes verfrachtet. Und es war nicht gerade wenig, was wir Freizeitgärtner so produzierten.

Und das alles beschickten wir außerhalb unserer Unterrichtszeit. Es war schon ein beeindruckendes Bild, wenn wir nachmittags nach der Schulzeit aus allen Richtungen kommend, als Miniackerbauern mit Spaten und Hacken ausgerüstet, den Schulgarten ansteuerten.

Saatgut und Pflanzen brachten wir Kinder von zu Hause mit. Das eine mehr – das andere weniger. Wie es die häuslichen Umstände gerade zuließen. Es wurde niemand gering geachtet, nur weil er weniger beisteuerte, als die anderen. Papa Hopf war es sehr wichtig, Solidarität in uns zu wecken. Er war nicht nur bei den Pflanzen im Garten ein hervorragender Gärtner – er verstand es auch meisterlich, die Pflänzchen in unserem Bewusstsein heranwachsen zu lassen.

 

Zu allen Siedlungen gehörten Gemüsegärten zur Selbst-verpflegung – und in jedem Garten wurde ein wenig Saatgut abgezweigt. Auf diese Art war unser Schulgarten wohl der sortenreichste Garten in der ganzen Umgebung. Es gab kein heimisches Obst oder Gemüse, dass nicht in unserem Garten zu finden war. Sogar Blumen waren auf kleinen Rabatten überall zwischen den Äckern zu entdecken. Papa Hopf legte sehr großen Wert auf Tischkultur. Und dazu gehörten für ihn unumstößlich Blumen. Auf diese Weise pflanzte er Verhaltensweisen in unsere kleinen Köpfe, die unser ganzes Leben prägen sollten.

 

Den zweiten Tag unserer Glückswoche durften wir in der Regel selber gestalten. Nur die Tischzeiten mussten wir einhalten. Ich kann mich nicht erinnern, dass mal eines von uns Kindern zu spät an der Tafel erschienen wäre – obwohl nicht einer von uns eine Uhr besaß. Kaum waren die letzten Töne der großen alten Schiffsglocke zwischen den Baumwipfeln verschwunden, saßen wir auch schon alle in langer Reihe an den Tischen. Mit sauberen Händen – das muß ich betonen. Darauf richtete Papa Hopf stets sein besonderes Augenmerk. Tadel in dieser Richtung war aber nur anfangs unserer gemeinsamen Aufenthalte aus seinem Munde zu hören gewesen. Für uns waren reinliche Hände bei den Mahlzeiten schnell zur Selbstverständlichkeit geworden. Im ersten Jahr hatte er hier und da schon mal mit leichten Maßnahmen nachhelfen müssen – besonders bei Jonny, Heini und Herbert. Die drei nahmen innerhalb unserer kleinen verschworenen Gemeinschaft aufgrund ihres höheren Alters eine Art Sonder-stellung ein. Natürlich nur auf der Schülerseite. Mit der Lehrer-seite taten sie sich des Öfteren schon etwas schwerer. Die drei Spezies waren nämlich dreimal „backen“ geblieben. Herbert, der Anführer, tat immer lauthals kund, ihre Nichtversetzung hätten sie schließlich nur ihrer Beliebtheit bei den Lehrern zu verdanken.

Papa Hopf nickte nur immer verständnisvoll, wenn einer der drei diesen Spruch mal wieder zum Besten gab.

 

Während einer unserer ersten Busfahrten ins Paradies erzählte Papa Hopf mal wieder eine seiner Afrikageschichten. Er gehörte im Kriege zu Feldmarschall Rommels Wüstenfüchsen, und wusste faszinierend davon zu berichten. Es drehte sich hauptsächlich darum, wie sie sich in bestimmten Lebenssituationen mit gegenseitigen kleinen Gefälligkeiten durch die Zeit geschlagen hatten. Hier ging es im Besonderen um das Verhältnis zwischen deutschen Soldaten und einheimischen Nordafrikanern.

Jonny, Heini und Herbert hatten gut aufgepasst – sie hatten wieder etwas dazugelernt. Und sie brachten ihr neues Wissen am Abend desselben Tages auch noch an den Mann.

Am Abendbrottisch erschienen die drei mit einer blitzsauberen rechten, und mit einer ziemlich scheddrigen linken Hand.

Papa Hopfs fragend hochgezogene Augenbrauen wussten sie elegant zu parieren: „Sie haben uns heute im Bus erzählt, in bestimmten Situationen wäscht eine Hand die andere.“ So schlaue Kerlchen muß doch jeder Lehrer lieben.

 

Um acht Uhr abends – ein mittelalter Vertretungslehrer wollte uns einmal partout beibringen 20 Uhr zu sagen, vergeblich allerdings – also um acht Uhr hieß es allgemein. „Bettklar machen.“ Dagegen gab es auch kein Aufmucken – in unserer Klasse zumindest nicht. Wussten wir doch allesamt Papa Hopfs Bücherkiste zu schätzen. Er schleppte in unser Siebentageglück jedesmal einen riesigen Überseekoffer mit. Zum bersten gefüllt mit Lesestoff. Nur für uns. Wir durften stets über die obligatorische Zehnuhrlichtausschlafenszeit hinaus unsere Nasen in Bücher und Heftchen stecken. Um Himmelswillen – nein, keine Pflichtlektüre. Auf Schulbücher wären wir auch wohl schwerlich angesprungen.

Micky Maus, Jimmy das Gummipferd, Nick Knatterton, Tarzan, Tom Prox, Zorro, Billy Jenkins — und wie unsere Helden alle hießen. Die bezopften zarten Geschöpfe in unserer Klasse bevorzugten in der Regel natürlich andere Titel und Geschichten – da ging es dann mehr um Heidi, um das doppelte Lottchen, oder um Ferien auf Immenhof. Jeder durfte nach Lust und Laune schmökern. Vielen von uns hat Papa Hopf dadurch den Weg in die Welt der Bücher geöffnet – denn wer hatte von uns zu Hause schon mal in einem Buch gelesen, das kein trockenes Schulbuch war. Einmal ganz davon abgesehen, dass in den meisten Zuhausen gar keine anderen Bücher vorhanden waren.

 

Das war aber immer erst nach dem gemeinschaftlichen Abräumen der Abendbrottische. Nach den Mahlzeiten die Tische ordentlich abräumen war stets unser gemeinsames Werk – genauso wie das schälen der Kartoffeln. Der größte Berg Kartoffeln musste immer Mittwochs von der Schale befreit werden. Mittwochs gab es zu Mittag Kartoffelpuffer – oder sollte ich Reibeplätzchen sagen?

Stapelweise Kartoffelpuffer – mit Apfelmus, mit Marmelade, mit Sirup oder Zucker .… grad so wie es jeder mochte. Unser Paule – Paul Schroeder – der schoß bei den Kartoffelpuffern regelmäßig den Vogel ab. Nicht nur, daß er am meisten davon verdrückte – nicht nur das – er bestrich sie sich auch noch alle mit scharfem Mostrich. Naja – er hatte auch wohl schon einen Erwachsen-engeschmack. War er doch vier Jahre älter als die meisten von uns. Nach viermal sitzen bleiben durfte er das auch sein. Es nahm ihm keiner übel – im Gegenteil, hatte er uns allen doch manches voraus. Zum Beispiel schon richtige Haare an seinem Schniedel-wurz.

Paule war obendrein auch ein richtiges kluges Bürschchen. Turnen stand noch auf unserem Stundenplan – nicht Sport, so wie heute. Schwarze Turnhose, weißes Achselhemd – das war allgemein unser Sportdress.

Paule wusste seine natürliche körperliche Voraushaftigkeit in bare Münze umzusetzen. Er ließ uns, die wir noch nicht soweit gediehen waren, während der Turnstunden einen Blick in seine Turnhose werfen. Gegen eine Gebühr von fünf Pfennig.

Auf diese Art sahen wir Jungen, wie auch wir demnächst aussehen würden. Er war für uns oft das Guckloch in eine noch fremde Halberwachsenenwelt. Waren doch für uns Fernsehen, und so wie heute die zahlreichen freizügig illustrierten Magazine noch unbekannte Größen. Heute prangen auf den Titelseiten der Illustrierten die freizügigsten Nixen im Evakostüm – wir bekamen in der Werbung in den Jahren unserer Kinderzeit immer nur züchtig verpackte Frauenkörper zu Gesicht. Heute kullern von jeder Plakatwand die tollsten Brüste – und die jungen Leute schauen gar nicht mehr hin. Wenn ich da an die Werbephotos für die Korsagen unserer Mütter und Großmütter denke, die wir zu sehen kriegten. Nachträglich graust es mich. Die Schnürkorsetts mit den Fischbeinstangen besaßen mehr Ähnlichkeit mit den Panzerspähwagen der Wehrmacht, als mit der modischen Unter-kleidung von heute.

Jedenfalls war unser Kartoffelpuffertag immer ein Festtag. Wir durften nach Herzenslust schlemmen. An diesem Tag ersetzten unsere Finger Messer und Gabel, bis unsere Bäuche zu platzen drohten – und Papa Hopf schaute vergnügt lächelnd zu. Er bereitete uns diese Freude auch wohl zu seiner eigenen Freude. Er durfte nämlich keine Riefplätzker essen – seine Galle, die mit einem gehörigen Stückchen seines Magens in Ägypten, in der Wüste geblieben war, nahm ihm solche einfachen Feste einfach übel. Ich hab manchmal gedacht, Gallen können ganz schön gallig sein – selbst wenn sie gar nicht mehr da sind.

Oft sind sie auch noch nachtragend bis hintengegen.

 

Papa Hopf saß während des Essens immer mitten unter uns. Immer mit in der Reihe an den blankgescheuerten Tischen, über die nur des Sonntags wunderschöne Tischdecken gebreitet wurden. Das war dann schon äußerlich ein Festtag. Auch die anderen Lehrer, die uns begleiteten, saßen mit an den großen Tischen. Papa Hopf hätte es nicht anders geduldet. Sicher – es gab einen kleinen Extratisch für das ‚Lehrpersonal’ – so hatte es einmal irgendein Begleitlehrer bezeichnet, als er sich daran niederließ, und seine Mahlzeit standesgemäß und unbehelligt von den Blagen, wie er sich ausdrückte, einnehmen wollte. Er mußte ganz was anderes einnehmen. Er bekam zwar sein Menü an den Extratisch serviert, an dem er übrigens ganz alleine saß. Er hätte sich in punkto Tischsitten und -gebräuche besser am Verhalten seiner Kollegen orientieren sollen, denn während der sich anschließenden Mittagsruhe verpasste Papa Hopf dem jungen Kollegen in seinem Bunker als Nachtisch einen Einlauf, der ihm wohl, nach seinem Gesicht zu urteilen, sehr schwer im Magen lag.

Oh Gott, was tat es uns gut – und wir hatten nicht einmal ein schlechtes Gewissen, weil wir mit dem Ohr an der Wand gelauscht hatten. Der Vertretungslehrer hat sich nie wieder an den Tisch für das Lehrpersonal gesetzt.

 

So einen Papa Hopf – den hatte ich mir einige Jahre zuvor sehnlichst gewünscht. Einige Jahre zuvor war mir nämlich ein scheinbares Glück widerfahren. Es war noch die Zeit der Care – Pakete. Die Zeit der Hilfsgütersendungen aus den USA für die darbende deutsche Bevölkerung. Landepunkte dieser Paket-transporte waren in der Regel die gemeindlichen Pfarrämter, oder hier bei uns im Norden verständlicher die Pastoreien – weil hier im plattdüütschen Norden reformiert dominiert. Der Pastor in unserer Gemeinde war an sich schon eine Marke für sich. Im Umgang mit jungen Menschen war er eine Null mit drei Nullen vor dem Komma. Wenn man die Gemeindegröße an der Verteilung der Wohltaten maß, dann zählte sie nicht mehr wie ein paar Dutzend Häupter. Aus einem unerfindlichen Grund war dem guten Gottesmann plötzlich eingefallen, dass unsere Familie ja auch dazugehörte. Es wäre ihm besser nicht eingefallen, habe ich wenig später gedacht. Mein Name stand auf seiner Liste der erholungsbedürftigen Kinder, die auf Kosten, und im Namen der Kirche, in ein Heim verschickt wurden. Sie sollten auf diese Weise ein wenig aufgepäppelt werden.

Die Größe meiner Freude, als ich davon erfuhr, war unermeßlich klein. An mir fehlte kein Pfund – mich konnte man schon eher als Musterbeispiel dafür betrachten, wie gutgenährte Kinder auszusehen hatten. Mama meinte aber, wenn der Pastor mich schon mal ausgeguckt hätte …, und sowieso wäre die Gegend, in der das Heim läge, sehr schön. An einem großen See gelegen, mit vielen Fischen darin – und das auch noch mitten im Wald. Und wir müssten uns dem Pastor doch dankbar zeigen, wenn er schon so großzügig …!

Genau das hat der Pastor auch wohl gedacht, als er meiner Mutter die freudige Botschaft überbrachte. Ich hatte nämlich genau gesehen, wie er mit anderthalb Augen verzehrend zu den Speckseiten und den Mettwürsten an der Küchendecke schielte. Von denen er denn auch gleich eine gehörige Portion mit auf den Weg nach Hause nahm. Er wollte im nächsten Gottesdienst für uns beten, sagte er zum Abschied. Was er denn auch getan hat. Ich habe genau mitgezählt – drei Worte pro Mettwurst und Schinkenstück. Verdammt teuer, so ein Gebet, fiel mir in meinem kleinen Kinderverstand nur dazu ein.

Mir war das ganze sowieso nicht recht verständlich. Was sollte ich in diesem ‚Erholungsheim’? Bäume standen bei uns im Garten – und Wasser mit Fischen drin hatten wir doch vor dem Deich reichlich genug. Naja – es blieben fruchtlose Kinderargumente. Das kennt man ja zur Genüge.

 

Und dann war ich da. Nach drei Stunden Fahrt im Bummelzug, der unterwegs auch noch an jeder Milchkanne anhielt – und fünf Kilometer Gänsemarsch, taten sich für uns die Türen des Paradieses auf. Mein erster Gedanke angesichts der niedrigen, braunroten Überbleibsel aus tausendjähriger Geschichte, war: Ich bin doch nicht lungenkrank.

Denn das Bild kannte ich zur Genüge – hatte ich doch schon einige male mit meiner Mutter unseren an TBC dahinsiechenden Vater in der Lungenheilstätte im benachbarten Wildeshausen besucht. Hier sah es nun genauso einladend aus. Und gemustert wurden wir von den draussen wartenden Kindertanten auf die gleiche Weise. Ich fühlte deutlich, dass unser Anblick ihnen riesige Freude bereitete.

Bevor wir eingelassen wurden, inspizierte und instruierte eine handvoll weißer, steifgestärkter Schürzen die Schar der Neuan-kömmlinge gründlich. Ich wartete eigentlich nur noch darauf, dass wir in eine Desinfektionskammer gesteckt wurden. Das Prozedere kannte ich auch. Auf diese Idee war hier aber allem Anschein noch niemand gekommen.

Etwas übten wir aber, bevor wir im Inneren des Erholungsheimes verstaut wurden. Gegenüber der Hauptbaracke, in der sich der Speisesaal befand, stand am Seeufer über dem Wasser ein überdachter dreiseitiger Windschutz. Mein kleiner Kinderver-stand, der ja bei uns im alten Seglerhafen zu Hause war, vermutete Boote unter dem Wetterdach. Diese Vorstellung weckte in mir die Hoffnung auf rudern und angeln. Mit dieser Hoffnung lag ich aber soweit daneben, wie Grönland von Dänemark entfernt ist. Und das ist ganz schön viel weit – und ganz schön viel naß. Dieses Gebilde aus der Zeit der Straflagerfunktion diente einem völlig anderen Zweck. Es war die Latrine – unsere Toilette für die Tage unseres Aufenthalts im Kindererholungsheim Ahlhorner Heide.

„Das ist euer Abtritt“ – richtig schön melodisch sang die Oberschürze es in den Nachmittagshimmel. Sie klang wie die Vorsängerin bei uns zu Hause im Kirchenchor.

„Jetzt wollen wir gemeinsam üben, wie wir uns zu verhalten haben, wenn wir zur Toilette gehen müssen. Alles in Zweierreihe antreten.“ Das klang schon nicht mehr so kirchenchormäßig.

Links und rechts führte ein Brettersteg auf die Plattform des Pfahlbaues.

Unter dem Dach waren in langer Reihe, nach vorne offene Nischen abgeteilt. In den Nischen mußten wir uns auf ein Brett setzen, das in der Mitte mit einem Loch versehen war. Es war gerade so groß, wie unsere Kinderpopos rund waren. Jedesmal wenn etwas aus unseren Hintern ins Wasser plumpste, streichelten die Spritzer unsere Sitzflächen. Irgendwie war das doch schon ganz modern. Als Toilettenpapier dienten auf Größe geschnittene Zeitungsseiten. Ganz praktisch – und preiswert. Nur einen Nachteil hatte diese Art der Altpapierverwertung – unsere vom Seewasser besprenkelten Pobacken waren oft anschließend kohlrabenschwarz von den gedruckten Nachrichten der Weltpresse.

 

Und dann geschah etwas, bei dem ich mir ganz bestimmt einen Papa Hopf gewünscht hätte – aber ich kannte ihn ja noch nicht.

Der Speisesaal, und das was uns in den nächsten Wochen in ihm erwartete. An langen, schlichten Holzbänken saßen wir auf ebensolchen Bänken ohne Rückenlehne. Soweit war es überhaupt kein Beinbruch – wir waren ja jung. Porzellan oder Steingut schien in den Speisesaal noch keinen Einzug gehalten zu haben. Alles war aus Metall. Messer, Gabeln, Löffel, Teller, Becher und Kannen – alles war aus Blech. Richtig schön laut und verbeult. Wie dachte ich an den mit Liebe gedeckten Tisch bei uns zu Hause. Besonders, wenn ich in die gegenüberliegende Ecke schaute – von meinem Platz aus ging mein Blick immer wieder dahin. Ich brauchte nur den Kopf zu heben, und schon sah ich es wieder. Meine Augen landeten jedes Mal auf einen wunderschön gedeckten Tisch, auf dem es an nichts fehlte. Goldgelbe Butter, leuchtender Käse, Wurst und Schinken, feinste Konfitüre und Brot in mehreren Sorten – und das alles auf blendend weißem Tischtuch, inmitten bunten Porzellans. Es war der Tisch der weißgestärkten Schürzen. Das Wort Kirche hat damals in der Ahlhorner Heide in meiner Kinderseele eine ganz dicke Beule abbekommen. Heute, nach so langen Jahren, kann ich sie noch deutlich fühlen.

 

Während unserer Aufenthalte in Fuhrenkamp hat sich meine – und auch die der anderen Kinder Seele – keine Beulen und blauen Flecken gestoßen. Selbst an den Donnerstagen nicht, denn donnerstags war Unterrichtstag. Unterrichtstag war eigentlich jeden Tag, denn wir lernten ja ständig dazu. Nur donnerstags ging es im großen Speisesaal richtig mit Tafel und Kreide zur Sache. Nicht das kleine oder das große 1×1 – auch nicht um Brüche, oder Teiler und Nenner – nein, es ging um die Tiere und Pflanzen des Waldes in unserer Umgebung. ‚Lernen dort, wo die Tiere und Pflanzen zu Hause sind. Wasser ist immer am reinsten an der Quelle’ – das war einer der Lieblingssprüche unseres weisen Lehrers. Alles das, was er uns lehrte, betrachtete er als ein Wasser, das unseren Wissensdurst stillte.

 

Donnerstagabend wurde Theater gemacht. Kein Krach und Klamauk mit streiten und hauen und stechen. Rüpeleien und Zank waren uns seltsamerweise fremd. Wir spielten donnerstags Theater. Richtig mit Rollen für jeden, und üben. Was wir spielten, war immer uns selbst überlassen. Papa Hopf ließ sich jedes Mal überraschen. Dankbares Publikum war uns immer gewiß. Unsere Aufzeitomas und unsere Aufzeitopas aus dem Altenheim bildeten unser Stammpublikum. Sie alle waren darüber genauso glücklich wie wir, denn Besuch aus ihrem Leben vor der Altenheimzeit war selten – allzu selten in ihrem Alltag. Sie hatten uns – und wir hatten sie. Das war doch auch was.

Eine meiner Rollen sehe ich heute noch so wirklich vor mir, als wenn es gestern war. Es war eigentlich nur eine Rolle am Rande – ohne wirkliche Funktion, aber ohne sie schien nichts zu funktionieren.

Ich spielte in einem königlichen Stück den Oberhofzere-monienmeister Frettsack van Wölterbuuk. Wirklich eine tragende Rolle – ich musste nämlich nahezu alle Kissen, die es im Heim gab, unter meinem weiten Umhang mit mir herumtragen. Und das eine ganze Stunde lang. Ich durfte alles anstellen – ein Oberhof-zeremonienmeister hat ja am Hof das Sagen – nur stolpern und umfallen durfte ich nicht. Dann mussten mich nämlich zwei andere Jungs erst wieder mühsam auf die Beine stellen. Ich weiß gar nicht, wie oft ich umgefallen wurde. Denn jedes Mal, wenn ein Schauspieler mit seinem Text hängen blieb, war mein ‚Umfaller’ dran. Die Dielen in unserem Speisesaal brauchten am nächsten Morgen nicht gebohnert zu werden.

 

Der nächste Morgen. Am nächsten Morgen hieß es in aller Herrgottsfrühe raus aus den Federn. Der Freitag war unser Wandertag. Per Pedes waren wir ja sowieso ständig unterwegs, aber nur immer in der näheren Umgebung. Es gab soviel zu erkunden.

Nur freitags – Freitags war alles anders. Die Küchenfeen waren seit Sonnenaufgang damit beschäftigt, unsere Marschverpflegung transportfertig zu verpacken. Ein zweites Frühstück, Mittagessen, Vesperbrot – alles wurde in Pergament eingetütet. Zu Mittag hieß es auf unserer Wanderung kalte Küche. Wir litten aber keinen Hunger, und mußten nichts entbehren. Alles war reichlich und schmackhaft vorhanden. Bis wir wieder glücklich, aber todmüde in Fuhrenkamp eintrudelten waren viele Stunden vergangen, viele Kilometer unter unseren Füßen dahin gelaufen, und viel neues Erleben hatte sich in unsere Köpfe eingenistet. Im Schullandheim war dann nur noch umfallen angesagt. Die folgende Nacht brauchte niemand auf leise schleichende Sohlen zu horchen.

 

Samstags war der Tag des Sports. Die große Sandkuhle zwischen unserem Domizil und dem benachbarten Altenheim war die Sportarena. Herrgottnochmal – ich bin nie ein Vorzeige-sportler gewesen, aber in unserer Sandkuhle war Sport etwas Wunderbares.

Ohne Druck von oben leisteten wir manchmal erstaunliches. Regelmäßig durch unsere ‚Sportskanonen’ angestachelt, kam oftmals schon was Sehenswertes dabei heraus.

Wenn das Wetter es einmal nicht zuließ, unter freiem Himmel zu ‚sporten’, dann kam unsere Boxbude zu ihrem Recht. Unsere Boxbude war eine reetgedeckte Halle mit Naturfußboden – gleich hinter dem Altenheim gelegen. Für uns waren diese Tage mit nichts zu vergleichen, denn Turnunterricht, zu Hause in der Schule, hieß mit Schlacke bedeckter Schulhof und draußen. In unserer Siedlung gab es noch keine Turnhalle.

 

Der Sporttag war der zweite Tag, der uns während unseres Aufenthaltes immer ein wenig abschlaffte. Das heißt, der Wander- und der Sporttag machten uns rechtschaffen bettmüde. Es gab nach dem Lichtaus keine Streifzüge in verbotenen Revieren. Eine wirkungsvolle Taktik der Erwachsenen, denn freitagabends war der Lehrer- und Heimelternabend. Es war ein privater Abend der Betreuer mit Gesprächen, mit Erfahrungen austauschen, und wohl auch mit einem Gläschen Wein.

Samstagmorgen hieß es vor den sportlichen Aktivitäten für uns alle erst einmal Reinschiff machen – aufklaren – unsere Spuren beseitigen, damit die nachfolgende Gruppe alles pikobello vorfand. Am Spätnachmittag – nachdem wir uns körperlich ertüchtigt hatten (körperliche Ertüchtigung war die offizielle Bezeichnung für Sport, in Wirklichkeit hatten wir uns ausgetobt) – hieß es dann schreiben. Furchtbar hört es sich an – ich weiß, aber das hört sich auch nur so an. Wir mußten die Erlebnisse der hinter uns liegenden Tage zu Papier bringen. Wir mußten einen Aufsatz schreiben. Nicht das er benotet wurde, aber einen guten Eindruck sollte er doch schon hinterlassen. Der frühe Abend stand uns dafür zur Verfügung. Es gab kein Limit – und wann, und wie, und mit was wir den Aufsatz zu Papier brachten, das spielte auch keine Rolle. Er mußte nur leserlich geschrieben sein, und Sonntag-morgen vor dem Frühstück abgegeben werden. Papa Hopf ließ uns sozusagen gewisse künstlerische Freiheiten. Ich hatte meinen Erlebnisbericht gleich nach der Vesper eilig auf dem Balkon zurechtgeschustert. Wofür hatten wir schließlich dieses Ding vor unserem Zimmer außen an der Wand hängen.

Der Nachtkasten an meinem Bett mußte mein schriftstellerisches Werk bis zum nächsten Morgen für mich verwahren. Ich hatte nachmittags geschrieben, weil ich mich noch vor dem Abendessen bei meiner Aufzeitoma sehen lassen wollte.

Normalerweise ging es am Samstagabend immer etwas bewegter im Hause zu. Und es dauerte wohl auch länger, bis Ruhe im Schiff herrschte. An diesem Samstagabend herrschte eine ungewöhnliche Ruhe. Na ja – alle waren wohl etwas kaputt nach den anstrengenden Tagen. Die Jungs aus dem Dachjuhee ließen sich schon früh nicht mehr blicken. In unserer Wachstube würde es auch eine ruhige Nacht werden. Wurde es auch.

 

Sonntagmorgen – runter zum Frühstück – den Aufsatz nicht vergessen. Mein Aufsatz lag seltsamerweise nicht in der Schublade, sondern oben auf dem Nachtschrank. Egal – ich hatte ihn wohl selbst dahingelegt. Nach dem Frühstück nahm Papa Hopf den Stapel Aufsätze mit in seinen Bunker – das kannten wir nicht anders.

Nachmittags bei Kakao und Kuchen bekam jeder sein Kunstwerk, mit ein paar passenden Bemerkungen versehen, zurück. An diesem Sonntagvormittag hörten wir unseren Lehrer in seiner Studierstube ein paar mal schallend lachen. Da mußte ihm jemand herrliche Witze erzählt haben. Die Zeit bis zum Nachmittag flog in Windeseile durch den Sonntag – als wenn der Abschied am Montagmorgen nach Kräften daran zog. Es war vier Uhr. Der große Speisesaal füllte sich mit gespannten Gesichtern. Aus hohen Kannen duftete Kakao – verlockender Kuchen lag auf den Tellern – und wir warteten, wer gleich das Sternchen für den besten Aufsatz bekommen würde. Einige waren hoffnungsvoller als andere, weil man ja schon mal – und es könnte ja wieder so sein …

Ein kräftiges Papahopfräuspern ließ auf einen Schlag alle schnatternden Geräusche aus dem Speisesaal flüchten. In die anschließende Stille fiel statt eines Sternchens ein Sternenregen. Papa Hopf verteilte ihn mit seinem kräftigen Bass.

Siebzehn Aufsätze hatten ein Sternchen für Fleißarbeit verdient – als Belohnung kam abends für alle noch einmal Kakao und Kuchen auf den Tisch. Darüber, dass die siebzehn Aufsätze alle gleich lauteten – darüber hat der alte Fuchs nicht ein Sterbenswörtchen verloren. Hatten doch sechzehn meiner Klassenkameraden aus dem Dachjuche meinen Aufsatz wortwörtlich abgeschrieben.©ee

 

ewaldeden

auch zu finden mit vielen weiteren Erzählungen in unserer Schreibwerkstatt : 

 

https://schreibwerkstatt2016.wordpress.com/2017/09/24/siebzehn-auf-einen-streich/

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Das Kalenderblatt … vom 11. September 2001

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Das Kalenderblatt …

vom 11. September 2001

10. September – 18 Uhr –

Claas hockt nun schon seit Stunden an seinem Schreibtisch – unzählige Zeitungen und Bücher sind in Stapeln auf der Tischplatte verteilt. Ich muß mir wohl bald ein größeres Möbel zulegen, schleicht als Ahnung durch sein Denken.

Die weißen Stücke wechseln von einer Hand in die andere – seine Augen wischen ungeduldig über die Buchstaben und Bilder. Sie finden nichts, an dem sie sich festhalten können. Es muß doch was geben – schießt es ihm durch den Kopf. Es gibt doch wohl keinen Tag auf der Welt, an dem es nichts zu bedenken gibt.

„Mein Junge – das Abendessen ist fertig!“ ruft Mudder aus der Küche .

„Ich komm’ gleich“ – antwortet er, ohne dass er so recht dahinter kommt.

Sein Denken sucht in dem heillosen Durcheinander von bedrucktem Papier nach Informationen, mit denen man den 11. September behängen kann. Er benötigt für seine Radiosendung morgen noch Begebenheiten für das „Kalenderblatt“ des Tages – Wissenswertes vergangener Tage.

Harrijeeses – hat er sich erschrocken – Mudder steht vor dem Schreibtisch.

„Nu komm aber erst her zu essen. Kannst doch nachher weitermachen – Vadder is auch schon drinnen. Die Bratkartoffeln werden sonst doch kalt.“

Recht hat sie. Es wäre auch wirklich zu schade. Für den anderen Hin- und Herkram bleibt ihm ja noch die ganze Nacht Zeit.

„Na mein Jung – kannst den Knoten nicht aufkriegen?“ meint Vadder, als Claas sich an den Küchentisch setzt. „Was gibt es denn so wichtiges“ kommt da denn noch hinterher.

„Das ist es ja man grade – ich kann beim besten Willen nicht so recht was finden – ich brauch was, was die Hörer vom Stuhl haut. Dieser komische elfte September will und will partout nichts hergeben. Er fährt sich mit gespreizten Fingern durch die Haare, als wenn die da etwas finden könnten.

„1986 sind an diesem Tag in Polen alle politischen Gefangenen freigelassen worden“ – sagt Mudder so ganz nebenbei.

Claas und Vadder drehen beide zugleich den Kopf zu ihr hin – und sehen sie verwundert an.

„Woher weißt du DAS denn?“ kommt es als ein Wort aus zwei Mündern. Die beiden Mannsleute gucken Mudder an, als sei sie ein Weltwunder.

„Ja, meint ihr beiden denn wirklich, ich kann nur Bohnensuppe kochen – und meinen Kopf hab’ ich bloß, weil die Haarschneiderin auch irgendwo von leben muß?“

Man hört deutlich, wie den beiden Kerls der Mund zuklappt.

„Jana – die kleine Polin, die mit mir die Schule sauber macht – die hat mir das erzählt. Ihr Sohn ist damals auch freigekommen. Sein Vater ist kurz vorher noch erschossen worden – in Danzig. Auf der Leninwerft. Er war Lech Walesas rechte Hand.“

Wooooow – denkt Claas, so kenn ich Mudder ja gar nicht – und laut sagt er: Du hast dich doch sonst nich für Poli“ – weiter kommt er nicht.

Ein bisschen spitz fällt Mudder ihm ins Wort: „Nicht für Politik interessiert, meinst du wohl? Ihr beide hättet mich ja mal fragen können . aber neeee, Politik – das ist ja Mannsleutsache!“

„Höhö…“ – man sieht Vadder deutlich seine Ratlosigkeit an.

„Brauchst gar nicht höhö zu sagen“ grient Mudder über die linke Gesichtshälfte – „ich hab’ mein Kreuz bei den Wahlen auch immer da gemacht, wo ich meinte, dass es da hingehört. Und nicht da, wo ich es nach deiner Meinung machen sollte! So, nun weißt du DAS auch gleich!“

Mudder ist sichtlich ein ganzes Stück größer geworden.

„Nun esst ihr man weiter – sonst wird noch alles kalt.“

Mudder ist ganz Mudder geblieben – so, als wenn sie sich überhaupt nicht bewusst ist, dass sie in fünf Minuten die gesamte Familienweltordnung auf den Kopf gestellt hat.

Vadder sagt nichts. Er fuhrwerkt mit der Gabel in den Bratkartoffeln herum, als wenn es auf der Welt für ihn nichts wichtigeres gäbe.

Das soeben gehörte muß er erst mal verdauen. Seinem Gesicht ist aber der Stolz auf seine Frau anzusehen.

Eine Weile vernimmt man nur Gabelklappern in der Küche.

Vadder hat sogar vergessen, den Fernseher anzustellen, um die Nachrichten mitzubekommen.

„Einundsechzig hat an diesem Tag Borgward in Bremen doch pleite gemacht – wenn ich mich recht besinn …“ Kann es sein, dass Vadder verlorenes Gebiet zurückgewinnen will – in dem er diesen Satz in die Luft stellt?

Mattigkeit hängt über dem Küchentisch – so, als wenn die Worte erst mal Reaktion entwickeln müssten.

„Ach …., weißt du noch, Vadder? Sechsundfünfzig … am elften September …“

Als Mudder das sagt, macht sie ein Gesicht, wie Schmitz Katze am Sonntagmorgen.

„Hannover … Filmpalast. Die erste Aufführung von HOCHZEIT auf IMMENHOF – mit Heidi Brühl und Paul Klinger …“ – Mudder sieht aus, als hätte sie darin selbst mitgespielt.

Vadder nimmt seine Brille ab. „Was hat DAS denn mit Politik zu tun?“

Verwirrtheit schwingt in seiner Stimme mit.

„Mit Politik nichts – aber mit Liebe , du Dööspaddel. An dem Tag waren wir nämlich das erste mal zusammen im Kino!“

Mudder ist reinweg ein bisschen franterig – so kommt es Claas zumindest vor – aber da muß er Vadder insgeheim beistehen. Mit dieser weiblichen Logik kommt er auch nicht so richtig zurecht.

Vadder kratzt sich angelegentlich den Kopf. „Wenn ich mir das so ins Gedächtnis zurückrufe – Mudder – du hast recht. Aber ehrlich – von dem Film hab ich damals nicht allzu viel mitbekommen.“

Als er das auf seine plietsche Art sagt, guckt Mudder zumal ganz anders aus.

„Das spür ich heute noch.“ Weiter sagt sie nichts.

Claas fühlt sich plötzlich irgendwie fehl am Platz, und meint, dass er einen Dreh kriegen muß. Indem er aufsteht, sagt er laut: „Denn will ich man wieder in meine Bücher reinkriechen – einen Teil hab ich ja schon zu wissen bekommen.“

Er lässt seine Eltern allein – vielleicht kommt den beiden heute ja noch mehr Vergangenheit entgegen.

Er macht noch zwei Schritte in den Garten – ein paar Atemzüge Frischluft tanken – und dann verzieht er sich wieder in seine Arbeitsstube. Am Schreibtisch hat auch noch niemand weitergemacht. Na ja – wer sollte auch.

Das verflixte Kalenderblatt für den 11. September.

Friedrich Schillers Jungfrau fällt ihm ein. Und dass die Tragödie am elften September vor zweihundert Jahren das erste mal aufgeführt worden ist – aber das will morgen garantiert auch keiner wissen.

Schiet drauf – er legt sein Manuskript für die Sendung morgen erst mal an die Seite – vielleicht hat er in der Nacht ja noch eine geistige Eingebung.

Ein paar Stunden später – eine Reihe von Gedichten und Geschichten hat Claas in der Zwischenzeit aufgearbeitet – muß er eine kleine Pause machen.

Das Manuskript mit dem halbfertigen Kalenderblatt grinst ihn an. Wart’ man, du kommst auch noch dran – sagt er in Gedanken zu dem Stückchen Papier.

Jetzt erst mal ’ne Zigarette schmöken – und ein paar Minuten die Flimmerkiste anmachen – mal eben sehen, was in der Welt so in den letzten Stunden geschehen ist.

Er tickert auf der Fernbedienung ziellos hin und her – aaahhh – N3 – das dritte Programm für Norddeutschland – das lässt er laufen – das passt in seine Stimmung.

Mit halbem Auge und Ohr verfolgt er das Geschehen, das über den Schirm flimmert – der andere Teil seiner Sinne drüselt ein wenig vor sich hin – sein Tag war ja auch lang genug.

Plötzlich ist er wach wie ein Hafenlicht – CIA – Geheimakten geöffnet – Dokumentarfilm – Chile – General Schreiber – Allende – Putsch!

Tausend Kerzen leuchten in seinem Kopf.

Die Schläfrigkeit ist verflogen – DAS ist sein Kalenderblatt!

1971 – Putsch in Chile – 11. September!

Der US amerikanische Geheimdienst hat seine Archive öffentlich gemacht.

Was er in den nächsten Minuten an Informationen erfährt, sorgt dafür, dass er in den nächsten Stunden von Magenschmerzen geplagt wird. Für das „um die Ecke bringen“ von General Ernesto Schreiber – dem Oberbefehlshaber der chilenischen Streitkräfte – und der Ermordung von Chiles freigewähltem Präsidenten Salvador Allende – ist die US amerikanische Regierung verantwortlich.

Nein, nein – nicht der Eisverkäufer in Florida und auch nicht der Viehzüchter in Texas, nicht der schwarze Schuhputzer in Manhattan und nicht der Fährmann auf dem Mississippi – nein – der damalige Präsident Richard Nixon und sein engster Vertrauter Henry Kissinger waren die Drahtzieher und Auftraggeber!

Die beiden hatten sich die ganze Sache ausgedacht, weil sie meinten, ein Volk, welches sich freiwillig einen Kommunisten zum Präsidenten wählt, kann nicht ganz richtig im Kopf sein.

Und bevor nun diese Krankheit noch mehr Menschen in Südamerika anstecken würde, müssten die Menschen – die von dieser „Seuche“ befallen – schnell und rigoros beseitigt werden.

Das Tun anzuschieben war dem menschenfreundlichem Henry Kissinger 50 tausend Dollar in Bargeld, und eine Lebensversicherung für den Täter über 250 tausend Dollar wert.

So hoch war die Entlohnung des Offiziers, der General Schreiber morgens beim verlassen seines Hauses erschossen hat.

Um Salvadore Allende brauchten sich die feinen Herren in Washington dann keine Gedanken mehr zu machen.

Das der ins Jenseits befördert wurde, dafür sorgte dann der auf den ersten Platz nachgerückte zweite General im chilenischen Militär selbst.

Das modernsten technischen Gerätschaften hat Henry Kissinger dem chilenischen Militär zukommen lassen. Getarnt als Diplomatengepäck nahm es den Weg nach Süden – Schiffsladungsweise. Auf der Strasse nach Süden …

Ironie, denkt Claas, als ihm dieses Lied einfällt.

Ein Oberst der US – Armee – 1971 Militärattache in der us-amerikanischen Botschaft in Santiago, und damit Kissingers verlängerter Arm – hat jetzt, dreißig Jahre später knapp und präzise kundgetan, dass die US-Regierung nichts dazugelernt hat.

Auf die Frage, ob ihm aus heutiger Sicht die Folterungen und die Morde an hunderttausende von Chilenen nicht leid täten – oder er seine Mittäterschaft zumindest bedauern würde, antwortete der leutselige alte Herr mit einem freundlichen Lächeln um die Augen: „Das Geschehen in Chile ist nur ein Großreinemachen gewesen. Die Schuld der Chilenen war es sowieso – warum wählten sie sich einen Kommunisten zum Präsidenten.“

Henry Kissinger, den die Reporter versuchten zu befragen, hat abgeblockt und sich weggedreht.

Vielleicht wollte er auch bloß nicht noch mal lügen – so, wie er es vor dem amerikanischen Kongress tat, als er beschwor, mit den Geschehnissen im fernen Chile nicht das geringste zu tun zu haben. Er schwor es mit der selben Hand, mit der er Tags zuvor die Zahlanweisungen für den Mörder unterzeichnete – und mit der er vierundzwanzig Stunden später den Befehl zur Ermordung General Schreibers unterzeichnete. Daran lässt sich überdeutlich erkennen, was ein Wort von Politikern generell wert ist.

Der Filmbericht ist schon eine Stunde Geschichte, als Claas sich aufrichtet und seinen Körper reckt. Das, was er vor einer Stunde gehört und gesehen hat, liegt jetzt fein säuberlich geschrieben vor ihm. Nun ist das verflixte Kalenderblatt auch zufrieden – lauert ihn gar nicht mehr so hinterhältig von unten herauf an.

Harrijesses – die Uhr zeigt gleich fünf. Claas lässt auf seinem Schreibtisch alles einfach so liegen, und kriecht in die Falle. Eine klitzekleine Mütze voll Schlaf braucht er denn doch noch – von wegen des klaren Kopfes morgen.

11. September 7. 28 Uhr

„Claas … Claas, du musst aufstehen … du hast doch um neun einen Termin. Es ist gleich halb acht.“

Mudder hat ihm eine leckere Tasse Tee ans Bett gebracht, und zieht die Vorhänge zur Seite, um das Morgenlicht hereinzulassen.

So richtig will das gehörte noch gar nicht durch die Ohren in seinen Kopf kriechen – er ist doch eben erst eingeschlafen.

„Komm – nun trink man erst einen Schluck Tee, damit du zu Verstand kommst – und wenn du soweit bist, dann hab ich auch das Frühstück fertig.“

Auf ihrem Gesicht liegt ein Strahlen, als wenn sie noch mit Vadder in Hannover im Filmpalast sitzt.

„Bei dir hat aber noch lange das Licht gebrannt. Hast du dein Kalenderblatt denn fertig? Sonst – ich hab heut morgen schon etwas in der Zeitung für dich gefunden.“

Ihre gesprochenen Sätze sausen so an seinen Ohren vorbei – er muß sein Denken erst mit einem Schwall kalten Wassers auf festen Grund stellen.

„Vor fünfundzwanzig Jahren – am 11. September – haben jugoslawische Nationalisten ein amerikanisches Flugzeug in ihre Gewalt gebracht. Der Flieger wollte bloß von Neuyork nach Chikago …stell dir mal vor, du willst nur eben von Hamburg nach München fliegen … und plötzlich sagt unterwegs ein Verrückter, das ist nun mein Flieger – und ihr, die ihr an Bord seid, seid alle meine Geiseln!“

Bei den letzten Worten dreht Mudder sich vom Fenster weg, zu ihm hin – „… du hörst mir ja gar nicht zu…“ Enttäuschung ist aus ihrer Stimme herauszuhören – Enttäuschung darüber, dass er noch nicht am Rechner sitzt, und ihre Neuigkeiten reintickert.

„Mudder … tu mir einen Gefallen … laß mir noch ein paar Minuten Ruhe …“ – ziemlich lahm klingt seine Stimme bei diesen Worten.

„Ich wollte dir doch bloß …“ – mehr kriegt Mudder nicht heraus.

„Ist ja schon gut, Moderke – ich weiß das wohl. Aber ich hab die Nacht noch soviel auf mein Kalenderblatt bekommen – ich muß sich das erst mal alles setzen lassen.“

Das sagen und aus dem Bett springen ist eines – er nimmt seine Mudder in den Arm … und drückt ihr einen Kuß auf die Augen. Er weiß, sie meint es immer nur gut mit ihm – und mit der Ruhe ist es nun eh vorbei.

„Na – denn will ich man …“ sagt sie leise – streicht verstohlen mit der Hand über ihre Augen, und zieht die Kammertür unhörbar ins Schloß. Claas hat gespürt, dass sie sich keinen Reim darauf machen kann. Wie sollte sie auch. Sie kann ja nicht wissen, dass ihm das Kalenderblatt wie Stacheldraht im Magen liegt.

Eine Viertelstunde später sitzt er in der Küche. Vor ihm auf dem Küchentisch steht ein weichgekochtes Ei, Mudders selbstgemachte Marmelade und frischer handgebackener süßer Stuuten ( gesüßtes Weißbrot ) – daneben liegt die Zeitung – was kann es eigentlich morgens schöneres geben?

Der Stuten ist noch warm. Gestern zur Abendbrotzeit war noch Mehl in der Tüte. Das ganze Haus riecht noch heimelig nach Backofen.

„Mir war gestern am Abend so zumute – ich musste meinen beiden Mannsleuten einfach noch was Gutes tun“ – bei diesen Worten schiebt sie ihm noch ein gehöriges Stück Stuten auf sein Brotbrett.

Gestern morgen hätte er das Stück noch ohne zu zögern verzimmert – allein schon um Mudder zu zeigen, wie gut ihm ihre Fürsorge tut. Heute morgen kann er das nicht – die Bilder der vergangenen Nacht nehmen einfach zuviel Raum ein.

„Sei mir nicht bös’ – das ess’ ich, wenn ich nachher nach Hause komme.“

Verständnis blitzt in den Augen von Mudder, als sie sagt:

„Trink’ wenigstens noch eine Tasse Tee, bevor du aus dem Haus gehst …“ – mehr kommt da nicht. Als wenn sie um den Stacheldraht weiß, der sich um seinen Magen gedreht hat.

Claas ist heilfroh, dass es heute morgen nicht eine gar so wichtige Sache ist. Seine Gedanken gehen nämlich einen anderen Weg.

Wie kann ein Mensch – wie Henry Kissinger – von dem er sonst soviel gehalten hat, der aus seiner eigenen Kindheitsgeschichte ja eigentlich etwas anderes wissen müsste, so einen Irrweg gehen? Oder ist er so verbiestert durch das vergangene Geschehen, dass ihm Menschenleben nichts mehr bedeuten?

Das kann aber doch nicht sein – denn hätte er es doch nicht heimlich getan!

Eine Antwort kann Claas sich auf seine Fragen nicht geben – und Henry Kissinger kann er auch nicht fragen. Vielleicht wird ihm wohler, wenn er nachher darüber reden kann.

Die Terminsache läuft so über ihn hinweg – zwölf Uhr ist es, als er das Verlagsgebäude wieder verlässt. Mudder rechnet sicher schon zu Mittag mit ihm. Er ruft kurz zu Hause an, damit sie weiß, dass er nicht kommt. An eine Mutter, die zum Weltgeschehen aus ihrer Sicht etwas zu sagen hat – daran muß er sich auch erst gewöhnen. Aber nicht heute – und nicht jetzt.

Der Wind, der übers Wasser herkommt, muß ihm oben auf dem Deich erst mal den Kopf ein wenig freiwehen. Wenn bei ihm mal irgend etwas quer sitzt, hier oben auf dem Deich – mit dem weiten Wasser der Nordsee vor sich – läuft sich das meist alles wieder zurecht. Am schönsten ist es bei anlandigem Wind – wenn der Sturm so richtig über die See hinweggefegt ist, und von Norden das Gefühl von Weite und Freiheit auf seinen Schultern trägt.

Mit klarem Kopf und von Wind und Salzluft geröteter Haut geht er auf Sendung. Den Menschen im weiten Land ein wenig in ihrer und seiner Muttersprache zu erzählen – auf Plattdeutsch mit seinen Worten Bilder malen, die seine Hörer mit den Ohren sehen können.

Fünfzehn Uhr und zehn Minuten. In fünf Minuten ist das Kalenderblatt an der Reihe.

Im Redaktionsraum laufen die Nachrichtenmaschinen. Vierundzwanzig Stunden am Tage vornan sein, mit alldem was in der Welt passiert. Wenn man der Zweite ist, der den Menschen etwas erzählt, hat man in der gefräßigen Konkurrenzwelt meist schon verloren.

So ist es nun mal.

Claas will gerade „sein“ Kalenderblatt, was ihn schon wieder von unten herauf reichlich schief belauert, unter die Hörerschaft bringen, als alle im Studio wie versteinert auf die Bildschirme starren.

Nur die Bilder laufen … und laufen … und laufen!

In New York sind zwei große Passagiermaschinen in die Türme des „World Trade Centers“ gekracht.

Claas weiß nicht, was in den Kollegenköpfen vor sich geht – sein erster Gedanke ist:

Der Allmächtige hat seine Mühlen in Gang gesetzt – und zwischen den großen Mühlsteinen ist ein Gemenge von Menschenwerk und Menschen – und sein Kalenderblatt – das er nicht mehr losgeworden ist – liegt oben auf den Mühlsteinen – und dreht sich mit!

Auf dem weißen Papier steht plötzlich nichts weiter mehr drauf, als: Chile … Chile … Chile… und die Menschheit steht drumherum – und kann die Mühle nicht anhalten …© ee

 

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Das kosmische Sein.

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Das kosmische Sein.

Was seh ich am Himmel in endloser Tiefe
was tut sich da oben im ewigen Blau
wenn mir so ist als ob ich schliefe
und mit geschlossenen Augen schau.

Ich sehe Reiter in endlos’ Kolonnen
auf Pferden die Sternen so ähnlich sind
als hätten sie silberne Netze gesponnen
in denen geboren der springende Wind.

Ich höre Kaskaden geschliffener Töne
prall gefüllt mit Rhythmus und Klang
ich fühle es als das Einzige Schöne
und doch wird mir ob der Mächtigkeit bang.

Mich wiegen die Wellen der kosmischen Fluten
nirgendwo bricht sie hemmendes Land
und irgendwo in dem sonnigen Gluten
ich meine Welt dann wieder fand.

© ee

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